Danke für das Klischee: #zeitschenken

Ich bin mir sicher: Mit diesem Gedankengut werde ich polarisieren. Aber dieses Risiko gehe ich ein, weil es mir am Herzen liegt. Nicht nur aus beruflichem Hintergrund als Kommunikationsstrategin, sondern vor allem als potenzieller Adressat, nämlich Mutter von drei Kindern.

Anlass ist der diesjährige EDEKA-Weihnachtsspot #zeitschenken.
Für alle, die ihn noch nicht gesehen haben – obwohl ich mir das fast nicht vorstellen kann, denn er zählt nach nur 1,5 Tagen schon knapp 1,7 Mio. Youtube-Views – wird in diesem Spot auf wirklich rührende Art und Weise darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns doch im Alltagsstress mal wieder mehr um unsere Kinder kümmern sollen, gerade zu Weihnachten. Wir sollen ihnen „Zeit schenken“.

Und genau das ist es, was mich so wütend macht. Was soll das? Ehrlich gesagt, geht mir dieses ständige „Eltern-Gebashe“ kolossal auf die Nerven. Es ist ja nicht nur EDEKA, die einem ein schlechtes Gewissen machen wollen, sondern auch hohes C und sogar Aldi. Habe ich noch eine Marke vergessen, deren Hauptumsatz sich aus Familieneinkäufen speist?
Sagt mal ehrlich: Wer von Euch will das denn noch hören?

Einerseits wird uns unterstellt, dass unsere Kinder heutzutage zu wenig Zuneigung bekommen. Wir kümmern uns zu wenig, gehen lieber arbeiten oder starren in unser Handy. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wessen Eltern haben sich wirklich oft mit Euch beschäftigt als Ihr noch Kind wart?

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sah das so aus: Mein Vater konnte als Gemeindepastor von zu Hause arbeiten, war daher oft da (eine Luxus-Situation für die 1980/90er), meine Mutter ging in Teilzeit immer Spätschichten als Krankenschwester arbeiten. Es war also – bis auf wenige Ausnahmen – immer jemand Erwachsenes da. Das heißt aber nicht, dass meine Eltern in der Zeit dauernd mit uns zusammengehockt hätten. Das wollten wir auch gar nicht. Wir waren draußen mit den Nachbar-Kindern, rannten durch die Gärten und malten Kreide auf der Straße. Die großen Kinder haben auf die Kleinen aufgepasst. Und wenn die Kirchenglocken um 18 Uhr läuteten, sollten wir Heimkommen. In der Zwischenzeit wussten meine Eltern nicht, was wir machten oder wo wir waren. Aber ich denke, sie haben sich auch keine Sorgen um uns gemacht. Wichtig für uns war zu wissen: Im Notfall ist jemand für uns da, wir müssen nur schnell nach Hause rennen. Natürlich haben unsere Eltern auch mal mit uns gespielt, aber bitte doch nicht dauernd.

Heute kreisen wir um unsere Kinder als gäbe es keinen anderen Mittelpunkt im Leben. Wir binden ihnen die Schuhe, bringen sie zur Schule und am liebsten würden wir ihnen auch noch die Hausaufgaben machen.
Das wird verurteilt.

Andererseits liest man heutzutage dauernd in den Medien von einer egozentrischen, uninspirierten, gelangweilten Kindergeneration, die ständig Aufmerksamkeit braucht und sich nicht mehr selbst beschäftigen kann. Man nennt sie auch Narzissten.
Das wird auch verurteilt.

Ja was denn nun?

Ich weiß es aus eigener Erfahrung ganz gut, der Alltag ist hart für uns arbeitende Elterngeneration. Aber ich denke, ich spreche da für fast alle von uns: wir geben uns auch immer Mühe für unsere Kinder da zu sein. Und das nicht nur an Weihnachten!

Das soll nicht heißen, dass wir sie ständig bespaßen und mit ihnen spielen, sondern dass wir ihnen ein gutes Gefühl von Geborgenheit geben. Soll bedeuten:

„Bei mir kannst Du so sein wie Du bist. Mit allen Ecken und Kanten.“
„Ich gebe Dir Deine Freiräume, die Du brauchst, um Dich zu entfalten.“
„Ich kann Dich nicht vor allem bewahren, aber ich bin immer (!) für Dich da.“
„Mit mir kannst Du über alles (!) reden.“
„Ich liebe Dich mehr als mich selbst.“

Nur dieses Gefühl gibt unseren Kindern die Wurzeln, die sie brauchen. Denn die geben ihnen die Erdung für das, was sie zu einem selbständigen Leben entwickeln müssen: Flügel. (Das hat sogar Goethe schon gewusst!)

Kinder müssen sich entfalten dürfen. Und zwar nach ihrer Facon und nicht in die Vorstellungen der Eltern gepresst. Kinder dürfen gar nicht erst auf den Gedanken kommen – und jetzt komme ich wieder zum EDEKA-Spot zurück –, dass ihre Eltern keine Zeit zur Bespaßung haben. Weil die Kinder die Eltern dafür gar nicht brauchen oder dabei haben wollen.

Eins liegt ja auf der Hand: Wenn wir das „Muss“ im Alltag nicht bewältigen würden, würde gar nichts funktionieren. Unsere Kinder wären verwahrlost, ausgehungert und wahrscheinlich würde das Jugendamt irgendwann vor der Tür stehen.

Außerdem kann man ja auch die Kinder sehr gut in das, was man tun „muss“, integrieren. Meine Kinder kochen zum Beispiel sehr gerne – mittlerweile auch alleine. Und das mit 9 und 7 Jahren. Mein Großer kann ein astreines Kaminfeuer selbständig anzünden. Meine Kinder gehen gerne Einkaufen, weil sie dann mitentscheiden können, was im Wagen landet. Meine Kleine hilft gerne beim Wäsche machen.
Wo ist also das Problem?

Für mich ist dieser Insight (Fachsprache für „Verbraucherbedürfnis“ bzw. hier eher „gesellschaftlich relevantes Problem“) einfach nur zu einseitig gedacht und zu kurz gegriffen.
Schlichtweg ein Klischee!

Es ist ja so eine neue Mode, dass diese „Weihnachtsspots“ gesellschaftliche Themen aufgreifen. Aber warum muss es denn bitteschön jedes Jahr ein neues Thema sein.
Ist das vom letzten Jahr denn dieses Jahr plötzlich nicht mehr von Bedeutung?
Ich würde zum Beispiel gerne wissen, wie es dem einsamen Opa (#Heimkommen, EDEKA-Spot 2015) in der Zwischenzeit so ergangen ist. Haben sich seine Kinder mehr um ihn gekümmert? Waren sie dieses Jahr öfter da? Oder auch wieder nur zu Weihnachten?

Und was hat das alles mit dem Laden zu tun? Warum muss mir mein Supermarkt unterstellen, wie es um die Beziehung zu meinen Kindern steht?

Ich gebe zu: Ich bin EDEKA-Kunde und ich gehe gerne dorthin. Weil ich dort den Marktleiter treffe, der höchstpersönlich in der Frische-Abteilung steht und die gammeligen Äpfel aussortiert. Weil der Herr an der Fleisch-Theke mich fragt: „Na, heute wieder 500 g Rinderhack?“ Und weil ich mich immer bei der netten, älteren, blonden Kassiererin in die Schlange stelle, weil ich ihr gerne am Freitag ein schönes Wochenende wünschen möchte. Und das egal wie viele Kunden vor mir sind.

Als ich meiner Familie heute morgen entrüstet von dem EDEKA-Spot erzählte, sagte mein Ältester: „Aber Mama, ich verstehe das nicht. Du musst viel arbeiten und bist doch trotzdem immer für uns da. Also für mich bist Du die beste Mama der Welt.“

Hört, hört, liebe EDEKAner und werte Kollegen: Versucht bitte nicht, ein generalisiertes Bild von uns Eltern in die Welt zu setzen. Vielleicht befragt Ihr das nächste Mal erst ein paar Kinder. Die wissen nämlich am besten, wie sie sich zu Hause so fühlen.

Rednaxela, Eniluap oder Sanoj

Diese Strategie ist nicht neu in meinem Repertoire-Schatzkästchen, aber auf meinem Weg zu mehr Gelassenheit habe ich sie wieder hervorgeholt. Und will sie hier gerne teilen, weil sie sehr plakativ und für Kinder leicht nachzuvollziehen ist.

Meine Erfahrung ist: Wenn Kinder im Alltag „quer gehen“, gibt es meistens drei Ursachen dafür: Hunger, Müdigkeit oder Langeweile. Sicherlich gibt es noch weitere (z.B. jedwede Art von Stress), die vorherigen sind jedoch – zumindest bei meinen Kindern – die häufigsten.

Wenn ich in solchen „Quergänger“-Situationen vor mich hinsage: „Er hat halt Hunger.“ sagt mein Mann oft: „Das ist aber doch keine Entschuldigung.“ Da hat er recht. Aber es ist zumindest ein Ansatz für eine Erklärung.

Ich kenne das auch von mir selbst: Wenn ich hungrig, müde oder gelangweilt bin, bekomme ich auch schlechte Laune, werde meckerig und nerve bestimmt auch rum. Kurz: Ich bin in solchen Momenten einfach nicht ich selbst. Den Kindern geht es da wahrscheinlich nicht anders.

Ich wollte den Kindern gerne ein Zeichen geben, wenn sie ihre „andere“ Seite ausleben. Kein Unterbinden des Verhaltens, einfach nur ihr Bewusstsein dafür schärfen, wie sie sich in diesen Momenten verhalten. Also habe ich versucht, diesem „dunklen“ Teil der Persönlichkeit einen Namen zu geben.

Das kam so: Eines Abends saßen wir beim Essen und versuchten, unsere Namen rückwärts aufzusagen. Aus Mascha wurde zum Beispiel „Achsam“. Aus Alexander wurde „Rednaxela“, aus Pauline „Eniluap“ und aus Jonas wurde „Sanoj“ (Kinder-Namen von der Autorin geändert ;-)).

Was fällt auf?

Genau: Rückwärts gelesen klingen die meisten Namen holprig, kantig und irgendwie auch ein bisschen „quer“.

Und was als Spaß begann, wurde zu einer einfachen Idee. Wenn wir also wieder eine Quergänger-Situation zu Hause hatten, sagte ich nur: „Da ist ja der Sanoj? Wo hast Du denn den Jonas gelassen?“ Oder „Schick’ jetzt mal die Eniluap weg und hole die Pauline wieder. Die ist doch viel netter.“

Drei Effekte:

  1. Ablenkungs-Manöver.
    Die Quergänger-Situation wird für einen kurzen Moment durchbrochen. Die Kinder werden sanft aus der Situation genommen.
  1. Schärfung des Bewusstseins.
    Die Kinder lernen, dass es ganz normal ist, unterschiedliche Persönlichkeits-Facetten zu haben. Und dass auch die „dunkle“ Seite zum eigenen Charakter und Mensch sein dazugehört. Denn sie ist ganz nah mit dem eigenen Namen verknüpft.
  1. Respektvolles Signal.
    Die Kinder bekommen ein klares Zeichen dafür, dass die andere Seite der Persönlichkeit von uns zwar respektiert, aber nicht unbedingt akzeptiert wird.

Und das alles ohne Vorwürfe, ohne Ansage, ohne Gemecker.

Einmal ging unser Mittlerer nach einer Quergänger-Situation mit „Name rückwärts“-Hinweis zur Haustür, öffnete sie, ging einmal raus, kam wieder rein, schloss die Tür, lief zu mir und rief: „Ich habe den Rednaxela vor die Tür gestellt. Der kommt hier heute nicht mehr rein.“ Und für den Rest des Tages war er sehr friedlich und zufrieden.

Ich bin keine Psychologin, aber vielleicht entlastet es das Kind auch, wenn es weiß, es kann einen Teil des Ichs auch mal aktiv wegschicken.

Mein Tipp: Einfach mal ausprobieren.

Ein Manko hat die Sache leider: Bei Kindern mit Namen Anna oder Otto könnten obige Effekte ausbleiben.

Von allem das Gegenteil

Heute beim Abendessen eröffnete unser Mittlerer: „Ich sage von allem jetzt nur noch das Gegenteil!“ Wir nahmen die Herausforderung an. Mein Mann fragte: „Möchtest Du noch mehr Fisch?“ Er: „Auf keinen Fall!“ und hielt ihm grinsend den leeren Teller hin. Wir lachten und er bekam noch ein Fischfilet aufgeladen.

Unser Großer stieg mit einem breiten Grinsen ein: „Ich möchte heute auf gar keinen Fall einen Nachtisch haben.“ Wir lachten alle. Und es wurde nach dem Essen für jeden etwas Schokoloade ausgeteilt. Zwischendurch erfanden wir lustige Gegenteil-Sätze und -Situationen. Es war insgesamt eine sehr fröhliche Abendbrot-Runde.

Mein Mann und ich erkannten das Potenzial des Spiels. Er sagte nach dem Essen: „Ich möchte bitte, dass Ihr jetzt auf gar keinen Fall Zähne putzen geht. Und ich verbiete Euch, danach ins Bett zu gehen.“ Große Lacher auf allen Seiten.

Die Jungs rannten nach oben: „Okay Papa, wir gehen jetzt nicht die Zähne putzen.“ Sie verschwanden im Badezimmer. Dies übrigens ganz zu meiner Verwunderung, denn das passiert sonst nie freiwillig.

Weil es noch etwas Zeit bis zum Schlafen gehen war, wurde kurzerhand noch eine Lego-Bobbahn aufgebaut. Das machte die Stimmung noch besser. (Weil die Bobbahn wirklich spektakulär ist und viel Spielspaß bringt, hier ein Foto von dem Bauwerk. Die „Bobs“ kriegen wirklich Speed! Also falls vorhanden, Nachbauen sehr empfehlenswert!).

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Die Jungs hielten das Spiel die ganze Zeit durch. Unser Großer: „Bringt Ihr mich jetzt ins Bett? Bitte !“ Wieder Lacher auf allen Seiten. Mein Mann: „Auf gar keinen Fall.“ Und schmunzelte.

Dann sagte aber die Kleine: „Mama, ich bin jetzt müde. Bringst Du mich ins Bett?“ Die Jungs: „Na dann: Schlechten Morgen!“ Lacher! Und sie in ihrer Unbedarftheit einer Dreijährigen: „Nee, das heißt Gute Nacht!“

Am Ende lagen alle friedlich und zufrieden im Bett und sind ganz schnell und selig eingeschlafen. Ich kann mich nicht erinnern, wann das Zubettgehen so diskussionsfrei und lustig von statten gegangen ist.

Auf dem Weg wieder zu mehr Gelassenheit hier mein erstes Learning: Auf die „Spielchen“ der Kinder einzugehen kann Alltagssituationen sehr vereinfachen.

„Ja, ja“ heißt „Leck mich am Arsch!“

Viele haben in den letzten Monaten festgestellt: „Du hast lange nichts mehr geschrieben!“ Oder einfach nachgefragt: „Wann kann ich endlich mal wieder was von Dir lesen?“
Wie es kommt, dass ich monatelang kein Blogpost geschrieben habe?

Einen genauen Grund dafür kann ich gar nicht nennen. Vielleicht war es die allgemeine Überarbeitung. Vielleicht war es fehlender Elan. Vielleicht das Gefühl nur noch zu funktionieren in all meinen Rollen – als Mutter, als Ehefrau, im Job oder auch als Bloggerin. Vielleicht war es der Drang, irgendwo einmal kürzer zu treten und dafür ein bisschen mehr Zeit für mich haben zu können.
Vielleicht war es aber auch nur eine Phase der allgemeinen Strategielosigkeit.

Denn leider muss ich feststellen: Meine (beiden älteren) Kinder kommen langsam in ein Alter, wo die Wirkung meiner eher reflektierenden und spielerischen Alltags-Strategien nachlässt oder gänzlich versagt. Das fängt beim täglichen Zähneputzen an und hört bei (ebenfalls fast täglichen) Prügeleien unter Geschwistern auf. Ich merke: Ihre Persönlichkeiten haben mittlerweile (mit fast 9 und fast 7 Jahren) eine individuelle Ausprägung erreicht, in der sie noch viel stärker für sich und ihre Bedürfnisse kämpfen als jemals zuvor. Sie sind schwieriger zu überzeugen, nicht mehr so leicht abzulenken. Lassen sich nicht mehr auf jeden Kompromiss ein, diskutieren gern.
Kurz: Sie haben ihren eigenen Kopf.

Einerseits bin ich auf die Eloquenz meiner Kinder stolz. Andererseits bringt sie mich im Alltag auch stark an meine Grenzen.
Irgendjemand hat mal zu mir gesagt: „Je älter die Kinder werden, umso leichter wird es mit ihnen!“ Ich kann das nicht unterschreiben. Ich persönlich finde, seitdem Zweidrittel meiner Kinder zur Schule gehen, ist das Leben zu Hause anstrengender geworden. Die Kinder bringen viel vom Schulhof mit nach Hause. Viele neue Schimpfwörter, viele untragbare Verhaltensweisen einerseits, aber auch jede Menge Sozial-Frust auf der anderen Seite. Denn: Kinder können wirklich grausam sein. Und adäquates Sozialverhalten zu lernen, ist anscheinend auch nicht so selbstverständlich wie ich dachte.

Ohne meine Jungs in Schutz nehmen zu wollen: Ich habe das Gefühl, als Junge hat man es nochmal schwerer als als Mädchen. Immer ist das blöde Testosteron im Weg – dieser Geltungsdrang, dieses Dominanzgefühl, dieses Machtgehabe. Und wenn man in der Schule nicht zum Zuge kommt, wird zu Hause dann – verständlicherweise –  Dampf abgelassen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel diskutiert, so viel Streit geschlichtet, so viele Prügeleien beendet wie in den letzten Monaten.

Und ich bin ganz ehrlich: Ich habe mich von meinen Kindern noch nie so schlecht behandelt gefühlt („Du dumme Frau, ich hasse Dich!“). Ich wurde gehauen und getreten, Möbelstücke sind durch die Gegend geworfen, Zimmertüren geknallt worden. Und alles nur aus Frust, weil der eigene Wille, die individuelle Vorstellung im Gefüge einer Großfamilie nicht 1:1 oder gar nicht umsetzbar war bzw. sein sollte. Oder weil der Frust raus musste.

Das schmerzt und verletzt meine Mutterseele sehr. So gehen mein Mann und ich nicht mit unseren Kindern um. Und so möchten wir auch nicht behandelt werden. Meine Vorstellung von einer glücklichen Familie sieht anders aus. Damit meine ich nicht, dass ich mir absolute Konfliktfreiheit wünsche oder Kinder, die immer „Ja und Amen!“ sagen. Aber ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie unbedarft und fröhlich durchs Leben gehen. Und nicht gestresst und frustriert.
Und ich wünsche mir von ihnen ein bisschen mehr Empathie. Dass die Kinder einmal mehr Bereitschaft zeigen, auch mal etwas für die Familie oder andere zu tun, weil sie es gerne machen. Und nicht dabei denken oder gar laut sagen: „Ich bin doch nicht Dein Diener!“

Am zermürbendsten finde ich ihre Ignoranz. Man bittet die Kids freundlich um etwas und es passiert … nichts. Man wird einfach nicht gehört. Niemand reagiert.
Ein Beispiel: Nach dem Abendessen. Ich bitte die Kinder: „Geht jetzt bitte Zähne putzen, wir wollen gleich Geschichten lesen.“ Keine Reaktion. Nach dem dritten Mal Bitten – es klingt dann schon eher wie eine Aufforderung – ernte ich ein „Nö, mache ich nicht!“ Und dann passiert auch nichts.
Was hat man da noch für eine Handhabe? Ausrasten? Rumschreien? Reagieren? Resignieren? Ich habe alles durchlebt. Ohne nachhaltigen Erfolg. Und glücklich hat es mich auch nicht gemacht!

Neulich hatte ich wirklich die Faxen dicke. Ich habe unseren Mittleren, der im Ignorieren sehr gut ausgebildet zu sein scheint, gebeten, doch in Zukunft irgendwie mal auf mich zu reagieren, wenn ich ihn anspreche. Seitdem sagt er einfach nur: „Ja, ja.“ Aber so gleichgültig und monoton, dass ich nach dem dritten Mal geschnallt habe: Er sagt mir damit: „Red Du mal.“ Oder auf deutsch: „Leck mich am Arsch!“

Viele denken jetzt wahrscheinlich: Was kotzt die Frau hier so über ihre Kinder ab. Hat sie sie nicht lieb? Oder hat sie ihre Kinder nicht im Griff? Beides kann ich verneinen. Ich liebe meine Kinder abgöttisch und möchte sie nicht mehr missen. Und wir haben auch wunderschöne Momente zusammen, wo es mit uns fünf sehr gut klappt. Allerdings habe ich noch nicht herausgefunden, was in diesen Situationen anders ist als sonst. Aber ich bleibe dran. Vielleicht ergeben sich aus meinen Analysen für mich neue, altersentsprechende Strategien, die ich dann auch gerne teilen werde. Ich merke jedenfalls, auch ich komme als Mutter in eine Phase, in der ich anders an Dinge herangehen muss als ich es bisher getan habe.

Neulich sagte mein Mittlerer zu mir: „Mama, Du bist überhaupt nicht mehr cool.“ Das hat mir ganz schön zu denken gegeben. Denn bisher habe ich mich immer als recht „coole“ Mutter empfunden. Aber mein Sohn hat recht: Mir fehlt im Moment einfach die nötige Portion Gelassenheit, um bestimmte Dinge meine Kinder betreffend einfach mit einer flotten Bemerkung in Wohlgefallen aufzulösen. Dafür bin ich einfach zu müde und kraftlos.

Ich habe mir vorgenommen: Ich möchte wieder „cooler“ sein. Vielleicht ist mehr Gelassenheit der erste Weg zum Glück. Wie das geht? Weiß ich noch nicht, wenn ich drei Streithammel vor mir habe. Aber ich werde davon in Kürze berichten. Versprochen!

 

 

 

 

Der Putztag

Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie meine Schwestern und ich als Schulkinder von meinen Eltern in die Pflicht genommen wurden im Haushalt mitzuhelfen: Schulbrote selber schmieren, Geschirrspüler abwechselnd ausräumen, Müll rausbringen, Dreckwäsche in die Waschküche bringen, später dann auch Wäsche zusammenlegen, bügeln, Bäder und eigene Zimmer putzen.

Ich fand das damals ziemlich ätzend und ich habe meine Eltern dafür verabscheut. Heute aber, wo ich selbst drei Kinder habe, verstehe ich den Hintergrund: Meine Eltern wollten uns beibringen, später selbst mit all dem klarzukommen. Sie wollten uns zeigen, dass sich die ganze Arbeit nicht von alleine macht. Und vor allem wollten sie uns deutlich machen, dass eine Familie zu sein bedeutet, dass jeder seinen Teil dazu beiträgt. Alle müssen mit anpacken. Sonst funktioniert das System nicht.

Wie oft bemerke ich bei meinen Kindern – na gut, sie sind noch recht jung – wie selbstverständlich sie immer alles hinnehmen. Die Klamotten sind immer gewaschen, der Tisch immer gedeckt, das Haus (relativ) sauber… Und wenn man sie dann mal bittet, das herumliegende Spielzeug in das zugehörige Zimmer zu bringen, bekommt man nur Gemecker und Getöse als Antwort. Sie verstehen es halt nicht. Ich habe es damals ja auch nicht verstanden.

Trotzdem wollten wir, dass unsere Kinder sich stärker im Haushalt beteiligen. Wir haben ihnen erklärt: „Wir brauchen Eure Hilfe!“ Und helfen tun Kinder nun wirklich gerne. Wir haben den Putztag ins Leben gerufen. „An diesem Tag räumt ihr eigenständig Eure Zimmer auf, saugt den Fußboden und alle zwei Wochen wischt ihr in Eurem Zimmer Staub.“ Da haben die Kinder erst einmal blöd geguckt. Als sie dann aber gesehen haben, dass Mama und Papa auch putzen, haben sie tatkräftig mit angepackt. Sogar die Kleine hat mit Leidenschaft den Staubsauger geschwungen.

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Mittlerweile haben wir die Aufgaben ausgeweitet: Nach jedem Essen räumen die Kinder ihre eigenen Teller in die Spülmaschine, ab und zu helfen sie beim Tisch decken und Spülmaschine ausräumen. Der Große bringt sogar den Müll in die Tonne und hilft ja auch freiwillig gerne beim Kochen (nachzulesen in Kleine Küchenassistenten).

Die Kinder finden ihre Aufgaben zwar genauso ätzend wie ich damals. Aber sie machen es, wenn man sie darum bittet. So wie ich damals auch.

Und hoffentlich verstehen sie dann auch irgendwann einmal unsere Hintergründe, wenn sie mal auf eigenen Beinen stehen oder eigene Kinder haben. Ich habe die Hoffnung, dass sie dann vielleicht ein kleines bisschen Dankbarkeit verspüren. So blöd das klingt, aber im Grunde bin ich heute meinen Eltern auch ein kleines bisschen dankbar für ihre damalige Vehemenz. Danke Mama und Papa, ich habe es jetzt endlich verstanden.

Kinderschnitzel, schnelle Bratkartoffeln & Gurkenblumen

Diese Mahlzeit lieben meine Kinder. Sie ist relativ schnell gemacht und die Kinder können prima bei der Zubereitung mithelfen. Das Rezept ist für ca. 4 Personen, aber Achtung, bei den Schnitzeln und Bratkartoffeln essen meine Kinder immer mehr als sonst. Also die Mengen vielleicht etwas großzügiger berechnen.

Für die Schnitzel:
2-3 Hähnchenbrustfilets (ich kaufe immer Bio-/Demeter-Qualität,
da schmeckt man einfach den Unterschied)
1-2 Eier
Semmelbrösel
mittelscharfer Senf
Salz, Pfeffer
Paprikapulver
Currypulver (nach Geschmack und Bedarf)
Olivenöl und Butter zum Braten

1. Hähnchenbrustfilets mit kaltem Wasser abwaschen, mit Küchenkrepp trockentupfen und in 4-5 gleichgroße Stücke schneiden.
Die Stücke dünn mit Senf bestreichen, salzen und pfeffern und mit etwas Paprikapulver bestreuen. Eine schöne Würze gibt es auch, wenn man noch etwas Currypulver darüber streut.

2. Das Ei in einem tiefen Teller oder Schüssel zu  Rührei schlagen. In einen weiteren Teller Semmelbrösel streuen.
Mein Tipp: Semmelbrösel kann man auch super selber machen. Dafür alte Brötchen nicht wegschmeißen, sondern an der Luft ein paar Tage trocknen lassen. Dann zu feinen Bröseln reiben. Diese Brösel kann man gut lagern. Und sie schmecken noch einmal viel besser als die Brösel aus der Packung. Aber nun zurück zum Schnitzel.

3. Die Schnitzel zunächst im Ei ein paar Mal wenden, etwas abtropfen lassen und dann in den Semmelbröseln wenden bis die Schnitzel eine rundum schöne Panade haben. Die fertig panierten Schnitzel auf einen weiteren Teller legen und ruhen lassen (dann hält die Panade in der Pfanne besser).

Für die schnellen Bratkartoffeln:
mittelgroße, festkochende Kartoffeln (pro Person ca. 2-3 Stück)
Salz
Olivenöl zum Braten

4. Bratkartoffeln sind wirklich schnell zu machen und köstlich, wenn man sie direkt aus rohen Kartoffeln macht. Dafür die Kartoffeln schälen, in ca. 1 cm große Stücke schneiden, leicht salzen und direkt in einer Pfanne in etwas Olivenöl auf mittlerer Hitze ca. 20 Minuten braten bis sie gar und braun sind.
Eine leckere Kindheitserinnerung: Meine Eltern hobelten die rohen Kartoffeln in dünne Scheiben und brieten sie dann. Das schmeckt köstlich, weil sie auch richtig knusprig werden, ist aber etwas aufwändiger.

Für die Gurkenblumen:
1 Gurke
1 runde, blumenförmige Ausstechform

Die Idee mit den Gurkenblumen ist mir gekommen, als unser Mittlerer eines Tages die Gurkenrohkost ablehnte, weil er die Kerne  „eklig“ fand. Da er sonst nicht viel anderes Gemüse zu sich nimmt, musste eine pragmatische Lösung her. Seitdem isst er wieder Gurke. Und seine Geschwister in der kreativen Form umso lieber.

5. Die Gurke – wenn gewünscht – schälen und in ca. 1/2 cm dicke Scheiben schneiden. Mit der Ausstechform die Gurkenkerne ausstechen und beides auf einen Teller drapieren. Auf dem Foto hilft meine kleinste Küchenassistentin (siehe auch Kleine Küchenassistenten).

Nun müssen noch die Schnitzel gebraten werden:
6. Nach der Hälfte der Garzeit der Kartoffeln in einer weiteren Pfanne Olivenöl und etwas Butter erhitzen. Wenn das Öl heiß und die Butter geschmolzen ist, die Schnitzel hinzufügen und bei mittlerer Hitze ca. 3 Minuten je Seite knusprig-braun braten.
Mein Tipp: Die Schnitzel sind auf einer Seite gar und können gewendet werden, wenn auf der ungebratenen Seite roter Bratensaft austritt.

Alles zusammen servieren und sich schmecken lassen. Zu den Kartoffeln kann man Kräuterquark oder Ketchup reichen, denn die Bratkartoffeln von rohen Kartoffeln schmecken fast wie Pommes.

„Ich lese mich müde!“

Neulich: Unsere Kinder lagen schon längst im Bett und schliefen. Dachten wir. Denn als mein Mann einmal kurz in die „Schlafetage“ ging, um etwas zu holen, sah er noch Licht im Zimmer unseres Ältesten (8). Er schaute kurz rein. Und da lag unser Großer wach im Bett und las in einem Buch.

Mein Mann: „Warum liest Du denn noch? Ich dachte, Du schläfst.“ Er antwortete: „Ich lese mich müde!“ Da musste mein Mann schmunzeln und sagte: „Okay, aber dann machst Du selbständig das Licht aus und schläfst dann auch bald.“ Nuschelige Antwort: „Ist gut.“ Er durfte in Ruhe weiterlesen.

Da sich unser Großer schon immer mit dem Einschlafen schwer getan hat (siehe auch Die Einschlafregel mit Einschlafhilfe), finde ich seine eigene Strategie des sich „Müdelesens“ gut. Im Grunde machen wir Erwachsenen ja nichts anderes, wenn wir abends noch ein Kapitel im Bett lesen. Je nach Spannungsgrad des Buches passiert es mir regelmäßig, dass mir schon nach einer halben Seite die Augen zufallen. Eine sehr wirksame Methode, um abends runter zu kommen.

Und für unseren Sohn ist das gleich in dreierlei Hinsicht eine Win-Situation: 1. Er wird so müde, dass er in Ruhe einschlafen kann. 2. Er nutzt das Recht des Ältesten: noch etwas länger wach bleiben zu dürfen. Und 3. Er übt lesen. Und das ganz ohne Zwang und aus eigenem Antrieb.

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Und für uns Eltern? Wir können auch nur gewinnen. Denn seitdem er sich „müde liest“ haben die ständigen „Mama, ich kann nicht einschlafen“-Rufe aprubt aufgehört. Tja, wenn Kinder ihre eigenen Strategien entwickeln, sind sie meist am Wirkungsvollsten …