„Warum steht das nicht in Deinem Blog?“

Das fragte mich neulich ein guter Freund, als ich an einem schönen Sonntagnachmittag folgende Geschichte zum Tischgespräch beitrug:

Es war an einem Freitag im Frühsommer. Das Wochenende stand vor der Tür. Die Sonne schien, es war warm. Und ich musste mit den Kindern Zeit überbrücken. Zeit zwischen die-Kleinen-von-der-Kita-abholen und den-Großen-zum-Klavierunterricht-bringen. Was bietet sich da an? Erst einmal ein Eis essen gehen und dann noch auf den Spielplatz. Als ich den Kindern mein Vorhaben vorschlug, erntete ich ein freudiges „Au ja!“ Die Laune war dem Wetter entsprechend, die Eisdiele knackevoll mit vielen Mamas mit noch mehr Kindern.

Wir setzten uns auf eine Bank vor den Eisladen und aßen genüsslich unser Gefrorenes. Die Jungs deutlich schneller als ihre kleine Schwester. Als die Großen fertig waren, standen sie auf und lungerten vor einem Kiosk-Schaufenster herum. Plötzlich sah ich, wie die beiden aus heiterem Himmel anfingen sich zu prügeln. Und zwar so richtig.

Der Kleinere, aber nicht gerade schwächere, schmiss sich auf den Großen und kloppte mehrmals mit geballter Faust auf dessen Ohr. Ich war so überrascht und geschockt von dem Anblick, dass ich erst einmal gar nicht reagieren konnte (deswegen gibt es zu diesem Beitrag auch kein Foto ;-)). Ich war wie gelähmt. Ich sah nur dieses Kinderknäuel auf dem Großstadtasphalt und dachte… gar nichts.

Dann regte sich in mir etwas: Angst und Scham. Angst davor, dass meinem Großen bei dem Übergriff seines kleinen Bruders etwas zugestoßen sein könnte. Und Scham darüber, dass meine (!) Kinder sich auf offener Straße prügelten.

Ich musste handeln: Ich sprang auf, rannte zu den beiden Ringern, zog sie auseinander und holte tief Luft. In dem Moment hätte ich sie gerne angeschrien: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank? Aber macht man das vor so vielen fremden Leuten … Ich korrigiere: vor so vielen fremden Eltern?

Alle Augen ruhten auf uns. Also atmete ich tief aus und begann, den Streit einigermaßen ruhig zu klären. Ich hielt beide am Arm fest, ein Auge auf die recht unbeeindruckt Eis essende Kleine gerichtet, das knallrote Ohr pustend. Mein Großer weinte. Der Kleine guckte frech aus der Wäsche. Ich fragte: „Warum hast Du das gemacht?“ Aber er wollte sich nur von mir losreißen. Ich hielt ihn noch fester.

Mir fiel nichts ein. Ich wollte nur noch weg. Weg von den Blicken der Mütter. Ich gebe zu: In diesem Moment habe ich mich wirklich für meine Kinder geschämt. Und ich war wütend darüber, dass ich spontan keine adäquate Reaktion parat hatte: Ich packte die drei und habe den zweiten Programmpunkt gestrichen. Mit den Worten: „Mit so zwei Streithammeln wie Euch gehe ich nicht auf den Spielplatz.“ Ich verfrachtete die drei ins Auto und fuhr mit ihnen zum Fahrradladen. Dort mussten sie dann darauf warten, dass ich mein niegelnagelneues Fahrrad mitnehmen durfte. Für die Kids seeehr langweilig. Danach sind wir zum Klavier gefahren. Es war beängstigend ruhig im Auto.

Später musste sich der Kleine noch bei seinem großen Bruder entschuldigen.

Meine Antwort auf die Frage meines Freundes „Warum steht das nicht in Deinem Blog?“ geht ganz schnell: Weil der Blog „Strategien einer Mutter“ heißt und ich in dieser Situation einfach keine Strategie parat hatte. Aber vielleicht ist es auch mal eine Strategie, keine zu haben. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

So mein lieber Stefan. Ich hoffe, Du bist jetzt zufrieden! 😉

#strategieneinermutter

Gescheitert: Die Schnuller-Fee

Mein Mann und ich waren uns sehr schnell darüber einig, dass unsere Kinder nicht länger als zwei Jahre einen Schnuller haben sollten.

Bei unserem Erstgeborenen kam aber schon die erste Ausnahme: als er zwei Jahre alt war, stand erst der kleine Bruder und dann auch noch ein Umzug ins Haus. Da wollten wir ihm nicht auch noch Nächte ohne seinen Schnuller zumuten. Also haben wir damit gewartet bis er circa drei war.

Wie gewöhnt man aber seinem Kind möglichst ohne großen Herzschmerz den Schnuller ab?

Da liegt es nahe auf Bewährtes zurückzugreifen: Die Schnuller-Fee, der das Kind eines Abends – natürlich nach langer Vorankündigung – alle verfügbaren Schnuller ans Bett legt. Und sie kommt dann heimlich des Nachts, nimmt die Schnuller mit und lässt als Gegenleistung ein Geschenk da.

So oder so ähnlich geht die Geschichte, die wir auch unserem Sohn erzählt haben. Seine Reaktion kam für uns aber völlig unerwartet. Er weinte jämmerlich. Jedoch nicht, weil die Schnuller dann weg wären. Sondern er erzählte uns, dass er Angst davor habe, nachts eine kleine Gestalt in seinem Zimmer zu wissen. Das gruselte ihn.

Die Geschichte konnten wir also nicht weiterverfolgen. Um die Sache für unseren damals Kleinen zu Ende zu bringen, habe ich der Schnullerfee einen „Brief“ geschrieben. Ich erklärte ihr, dass unser Sohn nicht möchte, dass sie zu ihm kommt und dass er es alleine schafft, den Schnuller loszuwerden. Damit war er beruhigt.

Wir haben erst einmal Gras über die Sache wachsen lassen. Und nach ein paar Wochen erledigte sich das Thema wie von selbst: Unser Sohn war stark verschnupft, verweigerte aber die Nasentropfen. Also konnte er einfach nicht Schnullern und schlief ohne. Nach zwei Nächten ohne Schnuller sagten wir: „Schau mal: Du brauchst ja gar keinen Schnuller zum Schlafen. Wenn Du es jetzt noch zwei weitere Nächte schaffst, können wir die Schnuller am Wochenende zum Schnullerbaum (des örtlichen Krankenhauses) bringen. Und dann darfst Du Dir ein Spielzeug aussuchen.“
Und so ist es auch gekommen. Damit er seine Schnuller immer besuchen gehen konnte, haben wir sie – zur besseren Wiedererkennung – mit seinem Spitznamen versehen, in seine Box gepackt (siehe Die Schnuller-Regel mit -box), und zum bereits vollgehängten Baum gebracht.

IMG_0745.JPG Danach sind wir sofort in den Spielzeugladen gegangen und er hat sich einen Bagger ausgesucht. Nach seinen Schnullern hat er nie wieder gefragt.

Beim zweiten Kind haben wir die Schnuller-Fee gar nicht mehr ins Spiel gebracht. Und weil es den Schnullerbaum auch nicht mehr gab, lief das Ganze – ehrlich gesagt – noch unemotionaler ab: Als der Kleine anfing, seine Schnuller zu zerkauen, sagte ich: „Du hast jetzt noch vier Schnuller. Ich kaufe ab jetzt keine Neuen mehr. Und wenn diese verbraucht sind, bist Du groß genug, dass Du ohne schlafen kannst.“ Und auch hier ging es unerwartet leicht. Irgendwann war nur noch einer übrig. Da überließ ich unserem Sohn die Entscheidung: diesen letzten Schnuller für zu Hause oder für den Kindergarten. Seine Wahl fiel auf zu Hause. Das heißt, in der Krippe schlief er mittags dann schon ohne. Diesen letzten zerkauten Schnuller hat unser Mittlerer einige Wochen später höchstpersönlich in den Müll gepfeffert. Auch er hat sich ein kleines Spielzeug dafür ausgesucht. Und damit war der Schnuller Geschichte. Und er hat nie wieder danach gefragt.

In circa einem halben Jahr steht das Thema Schnuller-Entwöhnung bei unserer Kleinen an. Da werden wir wahrscheinlich die Schnuller-Fee auch nicht mehr hinter dem Ofenrohr hervorlocken. Obwohl: sie ist ein Mädchen. Und die stehen auf Feen, oder?

#strategieneinermutter

Gescheitert: Die Familien-Regeln

Wenn ich so – nach exakt 50 Blogeinträgen – durch mein Archiv scrolle, könnte der ein oder andere denken: Die Frau hat ja echt immer alles im Griff. Die Kinder, den Mann, jede Situation. Meine beste Freundin beichtete mir neulich, dass ihr befreundete Eltern berichteten, sie selbst hätten immer, wenn sie meinen Blog gelesen haben, ein tierisch schlechtes Gewissen gegenüber ihren eigenen Kindern. Das ist natürlich nicht mein Bestreben.

Verständlicherweise will ich in erster Linie über die Strategien schreiben, die bei uns von drei Kindern erprobt und wirkungsvoll sind und waren. Aber damit Ihr seht, dass bei uns auch mal der Haussegen schief hängt, ich nicht mehr weiter weiß und vor allem auch Strategien einfach nicht funktionieren, schaffe ich hiermit und heute eine neue Kategorie. Diese heißt: Gescheiterte Strategien.

Sehr interessant ist dabei meine Erkenntnis, das eigentlich alle Strategien, die ich mir bei der Supernanny abgeguckt habe (ja, ich habe da ab und an mal reingezappt) immer den Bach runtergegangen sind. Eine davon sind „die Familien-Regeln“. Also die Manifestierung von festen Regeln, an die sich alle Familienmitglieder für ein friedliches Miteinander halten müssen. Klingt ja auf den ersten Blick sinnvoll. Gepaart habe ich dies – und vielleicht war das der Fehler – einerseits mit den Schulhof-Regeln meines Sohnes (damals Vorschule), die ich ziemlich gut fand. Vor allem hatten die so eindeutige Bilder, um auch Nichtlesern die Regeln verständlich zu machen. Und andererseits dem gelbe-rote-Kartensystem aus dem Fußball bzw. von der Vorschullehrerin (dass mein Sohn in einer ziemlich wilden und lauten Klasse war ist nachzulesen in meinem Post Kopfhörer gegen Klassenradau). So sahen unsere Familien-Regeln am Ende aus.

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Die Spielregeln dazu:
– Alle Familienmitglieder dürfen Karten geben: Kinder an Eltern, Eltern an Kinder, Eltern an Eltern, aber nicht Kinder an Kinder !
– Gelbe Karte für Vergehen der rechten Seite.
– Rote Karte für Vergehen der linken Seite.

– Bei 0-1 gelben Karte darf man sich am Ende des Tages einen Stempel machen (dafür hatten wir so ein tolles Wochenstempelbrett).
– Ab 1 roten Karte kein Tagesstempel (bei mehreren roten Karten wurde die Schwachsinnigkeit dieses System bereits deutlich).

– Bei 4-5 Tagesstempeln pro Woche darf an beiden Wochenendtagen nutella gefrühstückt werden (siehe Die nutella-Regel).
– Bei 2-3 Tagesstempeln pro Woche darf an einem frei wählbaren Wochenendtag nutella gefrühstückt werden.
– Bei <2 Tagesstempeln pro Woche darf keine nutella am Wochenende gefrühstückt werden.

Sonderregeln für Mama:
– Bei 4-5 Tagesstempeln/Woche muss Mama keine nutella essen.
– Bei 2-3 Tagesstempeln/Woche muss Mama an einem Wochenendtag nutella frühstücken.
– Bei <2 Tagesstempeln/Woche muss Mama an beiden Wochenendtagen nutella frühstücken.

Meine drei Jungs fanden das wirklich witzig, weil ich das Zeug wirklich nicht runterkriege, aber das hat mich auch angespornt.

Was ging schief?
1. Die Kinder verpetzten sich gegenseitig bei uns Eltern für Vergehen, die wir nicht beobachten konnten. Ergo: Wir hatten das alles nicht unter Kontrolle (Was ist Wahrheit, was ist Lüge?). Und: Der Gerechtigkeitskampf zwischen den beiden war größer als vorher.

2. Die Karten waren schnell gezeigt und damit die Situation auch vermeintlich schnell geregelt.
Aber gerade unser Mittlerer (noch 4 Jahre), der aufgrund seines Alters sehr emotional statt berechnend getrieben ist, war sich der Tragweite seines Handelns überhaupt nicht bewusst. Und schon gar nicht von Montag bis zum Wochenende. Das führt zu

3. Die Zeitspanne zwischen „Vergehen“ und Konsequenz (nutella-Entzug) waren so weit auseinander, dass auch kein Lerneffekt entstand.

Also haben wir uns über Kurz oder Lang von den Familien-Regeln verabschiedet und sie wieder abgehängt. Dass wir uns als Familie lieb haben wollen und sollen, das wissen wir alle. Und wir reden mit unseren Kindern wieder mehr über ihr Verhalten, was geht und was eben nicht (auch wenn man sich dabei manchmal den Mund fusselig redet). Und die Kinder reden mit uns auch über unser Verhalten als Eltern. So geht meiner Meinung nach die wahre Wertevermittlung einer Familie.
So ein „Bestrafungssystem“ wie auf dem Fußballplatz kommt mir auf jeden Fall nicht mehr ins Haus.

#strategieneinermutter