„Ja, ja“ heißt „Leck mich am Arsch!“

Viele haben in den letzten Monaten festgestellt: „Du hast lange nichts mehr geschrieben!“ Oder einfach nachgefragt: „Wann kann ich endlich mal wieder was von Dir lesen?“
Wie es kommt, dass ich monatelang kein Blogpost geschrieben habe?

Einen genauen Grund dafür kann ich gar nicht nennen. Vielleicht war es die allgemeine Überarbeitung. Vielleicht war es fehlender Elan. Vielleicht das Gefühl nur noch zu funktionieren in all meinen Rollen – als Mutter, als Ehefrau, im Job oder auch als Bloggerin. Vielleicht war es der Drang, irgendwo einmal kürzer zu treten und dafür ein bisschen mehr Zeit für mich haben zu können.
Vielleicht war es aber auch nur eine Phase der allgemeinen Strategielosigkeit.

Denn leider muss ich feststellen: Meine (beiden älteren) Kinder kommen langsam in ein Alter, wo die Wirkung meiner eher reflektierenden und spielerischen Alltags-Strategien nachlässt oder gänzlich versagt. Das fängt beim täglichen Zähneputzen an und hört bei (ebenfalls fast täglichen) Prügeleien unter Geschwistern auf. Ich merke: Ihre Persönlichkeiten haben mittlerweile (mit fast 9 und fast 7 Jahren) eine individuelle Ausprägung erreicht, in der sie noch viel stärker für sich und ihre Bedürfnisse kämpfen als jemals zuvor. Sie sind schwieriger zu überzeugen, nicht mehr so leicht abzulenken. Lassen sich nicht mehr auf jeden Kompromiss ein, diskutieren gern.
Kurz: Sie haben ihren eigenen Kopf.

Einerseits bin ich auf die Eloquenz meiner Kinder stolz. Andererseits bringt sie mich im Alltag auch stark an meine Grenzen.
Irgendjemand hat mal zu mir gesagt: „Je älter die Kinder werden, umso leichter wird es mit ihnen!“ Ich kann das nicht unterschreiben. Ich persönlich finde, seitdem Zweidrittel meiner Kinder zur Schule gehen, ist das Leben zu Hause anstrengender geworden. Die Kinder bringen viel vom Schulhof mit nach Hause. Viele neue Schimpfwörter, viele untragbare Verhaltensweisen einerseits, aber auch jede Menge Sozial-Frust auf der anderen Seite. Denn: Kinder können wirklich grausam sein. Und adäquates Sozialverhalten zu lernen, ist anscheinend auch nicht so selbstverständlich wie ich dachte.

Ohne meine Jungs in Schutz nehmen zu wollen: Ich habe das Gefühl, als Junge hat man es nochmal schwerer als als Mädchen. Immer ist das blöde Testosteron im Weg – dieser Geltungsdrang, dieses Dominanzgefühl, dieses Machtgehabe. Und wenn man in der Schule nicht zum Zuge kommt, wird zu Hause dann – verständlicherweise –  Dampf abgelassen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel diskutiert, so viel Streit geschlichtet, so viele Prügeleien beendet wie in den letzten Monaten.

Und ich bin ganz ehrlich: Ich habe mich von meinen Kindern noch nie so schlecht behandelt gefühlt („Du dumme Frau, ich hasse Dich!“). Ich wurde gehauen und getreten, Möbelstücke sind durch die Gegend geworfen, Zimmertüren geknallt worden. Und alles nur aus Frust, weil der eigene Wille, die individuelle Vorstellung im Gefüge einer Großfamilie nicht 1:1 oder gar nicht umsetzbar war bzw. sein sollte. Oder weil der Frust raus musste.

Das schmerzt und verletzt meine Mutterseele sehr. So gehen mein Mann und ich nicht mit unseren Kindern um. Und so möchten wir auch nicht behandelt werden. Meine Vorstellung von einer glücklichen Familie sieht anders aus. Damit meine ich nicht, dass ich mir absolute Konfliktfreiheit wünsche oder Kinder, die immer „Ja und Amen!“ sagen. Aber ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie unbedarft und fröhlich durchs Leben gehen. Und nicht gestresst und frustriert.
Und ich wünsche mir von ihnen ein bisschen mehr Empathie. Dass die Kinder einmal mehr Bereitschaft zeigen, auch mal etwas für die Familie oder andere zu tun, weil sie es gerne machen. Und nicht dabei denken oder gar laut sagen: „Ich bin doch nicht Dein Diener!“

Am zermürbendsten finde ich ihre Ignoranz. Man bittet die Kids freundlich um etwas und es passiert … nichts. Man wird einfach nicht gehört. Niemand reagiert.
Ein Beispiel: Nach dem Abendessen. Ich bitte die Kinder: „Geht jetzt bitte Zähne putzen, wir wollen gleich Geschichten lesen.“ Keine Reaktion. Nach dem dritten Mal Bitten – es klingt dann schon eher wie eine Aufforderung – ernte ich ein „Nö, mache ich nicht!“ Und dann passiert auch nichts.
Was hat man da noch für eine Handhabe? Ausrasten? Rumschreien? Reagieren? Resignieren? Ich habe alles durchlebt. Ohne nachhaltigen Erfolg. Und glücklich hat es mich auch nicht gemacht!

Neulich hatte ich wirklich die Faxen dicke. Ich habe unseren Mittleren, der im Ignorieren sehr gut ausgebildet zu sein scheint, gebeten, doch in Zukunft irgendwie mal auf mich zu reagieren, wenn ich ihn anspreche. Seitdem sagt er einfach nur: „Ja, ja.“ Aber so gleichgültig und monoton, dass ich nach dem dritten Mal geschnallt habe: Er sagt mir damit: „Red Du mal.“ Oder auf deutsch: „Leck mich am Arsch!“

Viele denken jetzt wahrscheinlich: Was kotzt die Frau hier so über ihre Kinder ab. Hat sie sie nicht lieb? Oder hat sie ihre Kinder nicht im Griff? Beides kann ich verneinen. Ich liebe meine Kinder abgöttisch und möchte sie nicht mehr missen. Und wir haben auch wunderschöne Momente zusammen, wo es mit uns fünf sehr gut klappt. Allerdings habe ich noch nicht herausgefunden, was in diesen Situationen anders ist als sonst. Aber ich bleibe dran. Vielleicht ergeben sich aus meinen Analysen für mich neue, altersentsprechende Strategien, die ich dann auch gerne teilen werde. Ich merke jedenfalls, auch ich komme als Mutter in eine Phase, in der ich anders an Dinge herangehen muss als ich es bisher getan habe.

Neulich sagte mein Mittlerer zu mir: „Mama, Du bist überhaupt nicht mehr cool.“ Das hat mir ganz schön zu denken gegeben. Denn bisher habe ich mich immer als recht „coole“ Mutter empfunden. Aber mein Sohn hat recht: Mir fehlt im Moment einfach die nötige Portion Gelassenheit, um bestimmte Dinge meine Kinder betreffend einfach mit einer flotten Bemerkung in Wohlgefallen aufzulösen. Dafür bin ich einfach zu müde und kraftlos.

Ich habe mir vorgenommen: Ich möchte wieder „cooler“ sein. Vielleicht ist mehr Gelassenheit der erste Weg zum Glück. Wie das geht? Weiß ich noch nicht, wenn ich drei Streithammel vor mir habe. Aber ich werde davon in Kürze berichten. Versprochen!

 

 

 

 

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„Ich lese mich müde!“

Neulich: Unsere Kinder lagen schon längst im Bett und schliefen. Dachten wir. Denn als mein Mann einmal kurz in die „Schlafetage“ ging, um etwas zu holen, sah er noch Licht im Zimmer unseres Ältesten (8). Er schaute kurz rein. Und da lag unser Großer wach im Bett und las in einem Buch.

Mein Mann: „Warum liest Du denn noch? Ich dachte, Du schläfst.“ Er antwortete: „Ich lese mich müde!“ Da musste mein Mann schmunzeln und sagte: „Okay, aber dann machst Du selbständig das Licht aus und schläfst dann auch bald.“ Nuschelige Antwort: „Ist gut.“ Er durfte in Ruhe weiterlesen.

Da sich unser Großer schon immer mit dem Einschlafen schwer getan hat (siehe auch Die Einschlafregel mit Einschlafhilfe), finde ich seine eigene Strategie des sich „Müdelesens“ gut. Im Grunde machen wir Erwachsenen ja nichts anderes, wenn wir abends noch ein Kapitel im Bett lesen. Je nach Spannungsgrad des Buches passiert es mir regelmäßig, dass mir schon nach einer halben Seite die Augen zufallen. Eine sehr wirksame Methode, um abends runter zu kommen.

Und für unseren Sohn ist das gleich in dreierlei Hinsicht eine Win-Situation: 1. Er wird so müde, dass er in Ruhe einschlafen kann. 2. Er nutzt das Recht des Ältesten: noch etwas länger wach bleiben zu dürfen. Und 3. Er übt lesen. Und das ganz ohne Zwang und aus eigenem Antrieb.

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Und für uns Eltern? Wir können auch nur gewinnen. Denn seitdem er sich „müde liest“ haben die ständigen „Mama, ich kann nicht einschlafen“-Rufe aprubt aufgehört. Tja, wenn Kinder ihre eigenen Strategien entwickeln, sind sie meist am Wirkungsvollsten …