Gastauftritt: „Vegan“ ist nichts für Kinder !

Vorneweg: Ich bin Oberarzt in einer großen Kinderklinik. Mascha hat mich gebeten, einen Gastbeitrag zu einem Gesundheitsthema zu verfassen, das mir persönlich am Herzen liegt. Auch wenn mir diesbezüglich viele Themen einfallen, fällt mir dies nicht ganz leicht, da Gesundheitsthemen häufig Kontroversen hervorrufen – ganz besonders wenn es um Kindergesundheit geht. Meine Erfahrung ist jedoch, dass es nicht hilfreich ist, diese Themen emotional anzugehen. Ich halte vielmehr einen kritischen Rationalismus für die beste Art, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen – besonders, wenn es die Gesundheit der eigenen Kinder betrifft. In diesem Sinne möchte ich meine persönlichen Erfahrungen aus meinem Klinikalltag weitergeben und meinen Gastauftritt bei „Strategien einer Mutter“ dafür nutzen, neutral und rational zu informieren.

Mit diesem Beitrag möchte ich einem Trend entgegentreten, der sich – zumindest in den Medien – derzeit zunehmend verbreitet: die vegane Ernährung. In meiner Wohngegend gibt es kaum einen Buchladen oder Kiosk mehr, in dem es nicht vor Kochbüchern, Ratgebern und Zeitschriften zum veganen Kochen und Essen nur so wimmelt. Zu diesem Thema besteht aber – meinem Eindruck nach – vor allem viel Unkenntnis darüber, wie gefährlich und nachhaltig schädlich sich eine vegane Ernährung auswirken kann. Denn: Erwachsene und Kinder reagieren sehr unterschiedlich darauf. Daher liegt mir dieses Thema im Zusammenhang mit Kindergesundheit besonders am Herzen.

Es gilt zu unterscheiden: Gegen eine ausgewogene vegetarische Mischkost unter Einbeziehung von Ei- und Milchprodukten ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern dies ist sicher eine der Ernährungsformen, die mit Fug und Recht als gesund zu bezeichnen sind. Gefährlich ist jedoch vielmehr eine streng vegane Kost, bei der weder Fisch, Ei- noch Milchprodukte aufgenommen werden. Eine vegane Ernährung ist immer eine Mangelernährung, bei der viele Nahrungsbestandteile in zu geringer Menge aufgenommen werden, so wie beispielsweise essentielle Aminosäuren, bestimmte Mineralstoffe und Spurenelemente und Vitamine. Besonders kritisch ist jedoch die Versorgung mit Vitamin B12. Nach aktuellen Studien haben 90% der Menschen, die sich dauerhaft vegan ernähren, einen Vitamin B12-Mangel.

Fakt ist: In den kinderneurologischen Sprechstunden größerer Kinderkliniken oder als niedergelassene Kinderneurologen sehen wir leider immer öfter folgendes, leider fast schon „klassisches“ Krankheitsbild: ein Kind wird, meist gegen Ende des ersten Lebensjahres, bei uns zur Diagnostik vorgestellt. Es besteht der Verdacht auf eine „Entwicklungsverzögerung“: das Kind erreicht normale Meilensteine der Entwicklung (freies Sitzen, Krabbeln, erste Wörter) nicht.
Befragen wir die Eltern, hören wir typischerweise folgende Vorgeschichte: langes Stillen durch langjährig vegan lebende Mutter (wobei wir Kinderärzte das Stillen grundsätzlich sehr begrüßen und fördern!) und anschließend Einführung einer veganen Beikost für das Kind. In der genauen kinderneurologischen Untersuchung zeigt sich dann meist eine erschreckende globale Entwicklungsstörung, verursacht durch einen schwerwiegenden Vitamin B12-Mangel.

Was viele nicht wissen: Erwachsene haben in ihrer Leber genügend Vitamin B12 gespeichert, um damit etwa 3 Jahre auszukommen. Stellt also ein Erwachsener seine Ernährungsweise auf vegane Kost um, treten erste Symptome eines Vitamin B12-Mangels im Allgemeinen frühestens 3 Jahre später auf.

Ein Vitamin B12-Mangel kann sich bei Erwachsenen auf sehr unterschiedliche Art äußern: Das Spektrum reicht von Blutarmut über Kribbeln in Händen und Füßen bis hin zu einem fortschreitenden Funktionsausfall der peripheren Nerven (z.B. Taubheitsgefühle der Haut) und zu schweren neuropsychiatrischen Beschwerden. Der Verlauf ist dabei aber meist schleichend. Stellen diese Menschen ihre Ernährung wieder um, bilden sich die Symptome meist zurück.

Bei Kindern ist der Verlauf jedoch komplett anders: Kinder sind, wenn sie auf die Welt kommen, für die Entwicklung und Reifung ihres Gehirns von Beginn an auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 angewiesen. Bei strengen Veganerinnen fehlt das Vitamin B12 in der Muttermilch, so dass betroffenen Kindern von Beginn an eines der wichtigsten Vitamine für die Hirnentwicklung fehlt. Das Hauptproblem: diese Entwicklungsstörung ist in diesem Stadium nicht mehr umkehrbar! Das Kind trägt diesen Schaden für den Rest seines Lebens mit sich herum.

Wir Kinderärzte sehen dieses vermeidbare Krankheitsbild leider mit zunehmender Häufigkeit: Während dies früher eine typische Armuts-Erkrankung war, wächst die „Entwicklungsstörung durch alimentären frühkindlichen Vitamin B12-Mangel“ heute typischerweise in den wohlhabenden Vierteln deutscher Großstädte.

Als Erwachsene handeln wir eigenverantwortlich. Wer sich also vegan ernähren möchte, entscheidet dies für sich selbst – und trägt auch selbst die Konsequenzen. Anders bei unseren Kindern. Sie können sich nicht aktiv für (oder eben gegen) eine bestimmte Ernährungsform entscheiden und sind abhängig davon, dass wir Eltern verantwortungsbewusst für sie die richtige Entscheidung treffen. Natürlich wollen wir stets das Beste für unsere Kinder, auch (und vielleicht besonders) diejenigen Eltern, die ihr Kind vegan ernähren möchten.

Mein Appell also: Eine vegane Ernährung ist für Kinder ungeeignet ! Wer sein Kind trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, vegan ernähren möchte, sollte unbedingt für eine zusätzliche Zufuhr an künstlichem Vitamin B12 sorgen, und zwar von Geburt an, und die Versorgung mit Vitamin B12 (und natürlich auch allen anderen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen) regelmäßig vom Kinderarzt kontrollieren lassen. Ihr Kind wird es Ihnen danken !

Nachtrag des Autors: Einige Kommentatoren haben Interesse an weiterführender Literatur bekundet. Dazu gibt es eine Fülle an wissenschaftlichen Publikationen, als Beispiele seien genannt:
– Herrmann W, Obeid R (2008): Ursachen und frühzeitige Diagnostik von Vitamin-B12-Mangel. Deutsches Ärzteblatt 2008, 105:680-685
– Koletzko et al. (2013): Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Monatsschrift Kinderheilkunde 2013, 161:237-246
– Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Ernährungskommission: Empfehlungen zur Ernährung gesunder Säuglinge.
http://www.dgkj.de

Anmerkung: Der Autor gibt an, dass keine Interessenkonflikte bestehen. Insbesondere bestehen keine geschäftlichen oder sonstigen Verbindungen zu Pharmaunternehmen oder Herstellern von Nahrungsergänzungsmitteln.

Gastautor: habilitierter Oberarzt eines großen Kinderkrankenhauses, selbst Vater von drei Kindern
Ich habe ihn um einen Gastartikel gebeten, weil er als Kinderarzt meines Vertrauens immer einen sehr klaren und realistischen Blick auf die Dinge rund um Kindergesundheit hat.

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#strategieneinermutter

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Gastauftritt: Er-ziehen oder sich (aus der Kindheit) selbst herausführen?

In meiner Kindheit (Nachkriegszeit) hieß es immer: tu dies nicht, tu das nicht! Meist ohne Begründung. Und dann gab’s auch schnell mal was hinter die Löffel, wenn man nicht spurte. „Bohr nicht in der Nase!“ (aber es gab noch keine Papiertaschentücher und die Gebügelten nur sonntags). „Schiel nicht, sonst bleiben die Augen so stehen!“ „Lauf nicht übern Onkel, sonst werden die Füße schief.“ „Mach einen Diener, wenn du jemandem die Hand gibst!“ usw. usw.

Dieses Muster schleicht sich in die Seele: wenn ich nicht  mache, was die Eltern wollen, werde ich entweder Krüppel oder asoziales Subjekt oder beides. Dabei haben meine Eltern mich Erstgeborenen zweifellos geliebt und sie wollten das Beste für mich. Aber da sie als Nachkriegsdeutsche unter den Besatzungsmächten selber unter Druck standen, möglichst nicht anecken wollten, sich der neuen Zeit anpassen mussten, wurden wir Kinder erzogen wie man einen Baum stutzt, damit er in Form kommt. „Bloß nicht auffallen“, war das geheime Motto ihrer Erziehung. Und die meisten unserer Willensäußerungen wurden erst einmal gekappt. Aber das habe ich erst später kapiert.

Als wir selber Eltern waren, haben wir es anders versucht. Motto: Unser Kind wird dafür geliebt, dass es da ist und sonst nichts. „Das Kind“ sollte nicht Objekt unserer Er-ziehung werden, sondern sich als möglichst eigenständiges Subjekt in unserem Zusammenleben empfinden. Es sollte sich ernst genommen fühlen. Wenn ein Verbot sein musste, oder eine Verhaltensänderung erwünscht war, haben wir das erklärt und begründet oder unsere eigene Sorge um „unser Kind“  ausgedrückt.

Wir haben es weitgehend in den Entscheidungsprozess hineingenommen und das ging bis zur selbständigen Schulwahl und dem Umgang mit dem Taschengeld und der Wahl des Freundeskreises. Als die Mädchen erste Freunde hatten, haben wir sie zu uns kommen lassen, damit wir sie und sie uns kennenlernen konnten. Und sie durften mit auf die Mädchenzimmer. Dieses Abwägen der Spielräume  ging auch nicht immer ohne Konflikte und Kräftemessen und überhöhte Freiheitsansprüche ab. Am Ende aber stand meistens eine für Eltern und Kinder akzeptable Lösung.

Die Kinder sollten auf diesem Wege (mit unserer Hilfe) zu sich selbst geführt werden (educatio). In diesem Prozess wurde uns auch mehr als deutlich, dass wir Eltern nicht perfekt sind und auch nicht sein müssen. Wenn wir zu unseren eigenen Schwächen stehen, hilft das den Kindern mehr als die übliche Machtdemonstration, die irgendwann durchschaut wird und dann nicht mehr greift.

„Denn man kann seine Kinder nicht besser erziehen, als man selber ist.  Wenn sie trotzdem besser werden, dann hat man wenigstens ihre Entwicklung nicht gestört. Und mehr kann man nicht verlangen.“ (R.G.E.Lempp)

Gastautor: mein Vater, 69 Jahre, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Vater von drei erwachsenen Töchtern
Ich habe ihn um einen Gastartikel zu diesem Thema gebeten, weil er (und meine Mutter natürlich auch) große Vorbilder für mich sind, was den Umgang und die „Erziehung“ von Kindern betrifft

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