Danke für das Klischee: #zeitschenken

Ich bin mir sicher: Mit diesem Gedankengut werde ich polarisieren. Aber dieses Risiko gehe ich ein, weil es mir am Herzen liegt. Nicht nur aus beruflichem Hintergrund als Kommunikationsstrategin, sondern vor allem als potenzieller Adressat, nämlich Mutter von drei Kindern.

Anlass ist der diesjährige EDEKA-Weihnachtsspot #zeitschenken.
Für alle, die ihn noch nicht gesehen haben – obwohl ich mir das fast nicht vorstellen kann, denn er zählt nach nur 1,5 Tagen schon knapp 1,7 Mio. Youtube-Views – wird in diesem Spot auf wirklich rührende Art und Weise darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns doch im Alltagsstress mal wieder mehr um unsere Kinder kümmern sollen, gerade zu Weihnachten. Wir sollen ihnen „Zeit schenken“.

Und genau das ist es, was mich so wütend macht. Was soll das? Ehrlich gesagt, geht mir dieses ständige „Eltern-Gebashe“ kolossal auf die Nerven. Es ist ja nicht nur EDEKA, die einem ein schlechtes Gewissen machen wollen, sondern auch hohes C und sogar Aldi. Habe ich noch eine Marke vergessen, deren Hauptumsatz sich aus Familieneinkäufen speist?
Sagt mal ehrlich: Wer von Euch will das denn noch hören?

Einerseits wird uns unterstellt, dass unsere Kinder heutzutage zu wenig Zuneigung bekommen. Wir kümmern uns zu wenig, gehen lieber arbeiten oder starren in unser Handy. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wessen Eltern haben sich wirklich oft mit Euch beschäftigt als Ihr noch Kind wart?

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sah das so aus: Mein Vater konnte als Gemeindepastor von zu Hause arbeiten, war daher oft da (eine Luxus-Situation für die 1980/90er), meine Mutter ging in Teilzeit immer Spätschichten als Krankenschwester arbeiten. Es war also – bis auf wenige Ausnahmen – immer jemand Erwachsenes da. Das heißt aber nicht, dass meine Eltern in der Zeit dauernd mit uns zusammengehockt hätten. Das wollten wir auch gar nicht. Wir waren draußen mit den Nachbar-Kindern, rannten durch die Gärten und malten Kreide auf der Straße. Die großen Kinder haben auf die Kleinen aufgepasst. Und wenn die Kirchenglocken um 18 Uhr läuteten, sollten wir Heimkommen. In der Zwischenzeit wussten meine Eltern nicht, was wir machten oder wo wir waren. Aber ich denke, sie haben sich auch keine Sorgen um uns gemacht. Wichtig für uns war zu wissen: Im Notfall ist jemand für uns da, wir müssen nur schnell nach Hause rennen. Natürlich haben unsere Eltern auch mal mit uns gespielt, aber bitte doch nicht dauernd.

Heute kreisen wir um unsere Kinder als gäbe es keinen anderen Mittelpunkt im Leben. Wir binden ihnen die Schuhe, bringen sie zur Schule und am liebsten würden wir ihnen auch noch die Hausaufgaben machen.
Das wird verurteilt.

Andererseits liest man heutzutage dauernd in den Medien von einer egozentrischen, uninspirierten, gelangweilten Kindergeneration, die ständig Aufmerksamkeit braucht und sich nicht mehr selbst beschäftigen kann. Man nennt sie auch Narzissten.
Das wird auch verurteilt.

Ja was denn nun?

Ich weiß es aus eigener Erfahrung ganz gut, der Alltag ist hart für uns arbeitende Elterngeneration. Aber ich denke, ich spreche da für fast alle von uns: wir geben uns auch immer Mühe für unsere Kinder da zu sein. Und das nicht nur an Weihnachten!

Das soll nicht heißen, dass wir sie ständig bespaßen und mit ihnen spielen, sondern dass wir ihnen ein gutes Gefühl von Geborgenheit geben. Soll bedeuten:

„Bei mir kannst Du so sein wie Du bist. Mit allen Ecken und Kanten.“
„Ich gebe Dir Deine Freiräume, die Du brauchst, um Dich zu entfalten.“
„Ich kann Dich nicht vor allem bewahren, aber ich bin immer (!) für Dich da.“
„Mit mir kannst Du über alles (!) reden.“
„Ich liebe Dich mehr als mich selbst.“

Nur dieses Gefühl gibt unseren Kindern die Wurzeln, die sie brauchen. Denn die geben ihnen die Erdung für das, was sie zu einem selbständigen Leben entwickeln müssen: Flügel. (Das hat sogar Goethe schon gewusst!)

Kinder müssen sich entfalten dürfen. Und zwar nach ihrer Facon und nicht in die Vorstellungen der Eltern gepresst. Kinder dürfen gar nicht erst auf den Gedanken kommen – und jetzt komme ich wieder zum EDEKA-Spot zurück –, dass ihre Eltern keine Zeit zur Bespaßung haben. Weil die Kinder die Eltern dafür gar nicht brauchen oder dabei haben wollen.

Eins liegt ja auf der Hand: Wenn wir das „Muss“ im Alltag nicht bewältigen würden, würde gar nichts funktionieren. Unsere Kinder wären verwahrlost, ausgehungert und wahrscheinlich würde das Jugendamt irgendwann vor der Tür stehen.

Außerdem kann man ja auch die Kinder sehr gut in das, was man tun „muss“, integrieren. Meine Kinder kochen zum Beispiel sehr gerne – mittlerweile auch alleine. Und das mit 9 und 7 Jahren. Mein Großer kann ein astreines Kaminfeuer selbständig anzünden. Meine Kinder gehen gerne Einkaufen, weil sie dann mitentscheiden können, was im Wagen landet. Meine Kleine hilft gerne beim Wäsche machen.
Wo ist also das Problem?

Für mich ist dieser Insight (Fachsprache für „Verbraucherbedürfnis“ bzw. hier eher „gesellschaftlich relevantes Problem“) einfach nur zu einseitig gedacht und zu kurz gegriffen.
Schlichtweg ein Klischee!

Es ist ja so eine neue Mode, dass diese „Weihnachtsspots“ gesellschaftliche Themen aufgreifen. Aber warum muss es denn bitteschön jedes Jahr ein neues Thema sein.
Ist das vom letzten Jahr denn dieses Jahr plötzlich nicht mehr von Bedeutung?
Ich würde zum Beispiel gerne wissen, wie es dem einsamen Opa (#Heimkommen, EDEKA-Spot 2015) in der Zwischenzeit so ergangen ist. Haben sich seine Kinder mehr um ihn gekümmert? Waren sie dieses Jahr öfter da? Oder auch wieder nur zu Weihnachten?

Und was hat das alles mit dem Laden zu tun? Warum muss mir mein Supermarkt unterstellen, wie es um die Beziehung zu meinen Kindern steht?

Ich gebe zu: Ich bin EDEKA-Kunde und ich gehe gerne dorthin. Weil ich dort den Marktleiter treffe, der höchstpersönlich in der Frische-Abteilung steht und die gammeligen Äpfel aussortiert. Weil der Herr an der Fleisch-Theke mich fragt: „Na, heute wieder 500 g Rinderhack?“ Und weil ich mich immer bei der netten, älteren, blonden Kassiererin in die Schlange stelle, weil ich ihr gerne am Freitag ein schönes Wochenende wünschen möchte. Und das egal wie viele Kunden vor mir sind.

Als ich meiner Familie heute morgen entrüstet von dem EDEKA-Spot erzählte, sagte mein Ältester: „Aber Mama, ich verstehe das nicht. Du musst viel arbeiten und bist doch trotzdem immer für uns da. Also für mich bist Du die beste Mama der Welt.“

Hört, hört, liebe EDEKAner und werte Kollegen: Versucht bitte nicht, ein generalisiertes Bild von uns Eltern in die Welt zu setzen. Vielleicht befragt Ihr das nächste Mal erst ein paar Kinder. Die wissen nämlich am besten, wie sie sich zu Hause so fühlen.

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„Ja, ja“ heißt „Leck mich am Arsch!“

Viele haben in den letzten Monaten festgestellt: „Du hast lange nichts mehr geschrieben!“ Oder einfach nachgefragt: „Wann kann ich endlich mal wieder was von Dir lesen?“
Wie es kommt, dass ich monatelang kein Blogpost geschrieben habe?

Einen genauen Grund dafür kann ich gar nicht nennen. Vielleicht war es die allgemeine Überarbeitung. Vielleicht war es fehlender Elan. Vielleicht das Gefühl nur noch zu funktionieren in all meinen Rollen – als Mutter, als Ehefrau, im Job oder auch als Bloggerin. Vielleicht war es der Drang, irgendwo einmal kürzer zu treten und dafür ein bisschen mehr Zeit für mich haben zu können.
Vielleicht war es aber auch nur eine Phase der allgemeinen Strategielosigkeit.

Denn leider muss ich feststellen: Meine (beiden älteren) Kinder kommen langsam in ein Alter, wo die Wirkung meiner eher reflektierenden und spielerischen Alltags-Strategien nachlässt oder gänzlich versagt. Das fängt beim täglichen Zähneputzen an und hört bei (ebenfalls fast täglichen) Prügeleien unter Geschwistern auf. Ich merke: Ihre Persönlichkeiten haben mittlerweile (mit fast 9 und fast 7 Jahren) eine individuelle Ausprägung erreicht, in der sie noch viel stärker für sich und ihre Bedürfnisse kämpfen als jemals zuvor. Sie sind schwieriger zu überzeugen, nicht mehr so leicht abzulenken. Lassen sich nicht mehr auf jeden Kompromiss ein, diskutieren gern.
Kurz: Sie haben ihren eigenen Kopf.

Einerseits bin ich auf die Eloquenz meiner Kinder stolz. Andererseits bringt sie mich im Alltag auch stark an meine Grenzen.
Irgendjemand hat mal zu mir gesagt: „Je älter die Kinder werden, umso leichter wird es mit ihnen!“ Ich kann das nicht unterschreiben. Ich persönlich finde, seitdem Zweidrittel meiner Kinder zur Schule gehen, ist das Leben zu Hause anstrengender geworden. Die Kinder bringen viel vom Schulhof mit nach Hause. Viele neue Schimpfwörter, viele untragbare Verhaltensweisen einerseits, aber auch jede Menge Sozial-Frust auf der anderen Seite. Denn: Kinder können wirklich grausam sein. Und adäquates Sozialverhalten zu lernen, ist anscheinend auch nicht so selbstverständlich wie ich dachte.

Ohne meine Jungs in Schutz nehmen zu wollen: Ich habe das Gefühl, als Junge hat man es nochmal schwerer als als Mädchen. Immer ist das blöde Testosteron im Weg – dieser Geltungsdrang, dieses Dominanzgefühl, dieses Machtgehabe. Und wenn man in der Schule nicht zum Zuge kommt, wird zu Hause dann – verständlicherweise –  Dampf abgelassen.

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viel diskutiert, so viel Streit geschlichtet, so viele Prügeleien beendet wie in den letzten Monaten.

Und ich bin ganz ehrlich: Ich habe mich von meinen Kindern noch nie so schlecht behandelt gefühlt („Du dumme Frau, ich hasse Dich!“). Ich wurde gehauen und getreten, Möbelstücke sind durch die Gegend geworfen, Zimmertüren geknallt worden. Und alles nur aus Frust, weil der eigene Wille, die individuelle Vorstellung im Gefüge einer Großfamilie nicht 1:1 oder gar nicht umsetzbar war bzw. sein sollte. Oder weil der Frust raus musste.

Das schmerzt und verletzt meine Mutterseele sehr. So gehen mein Mann und ich nicht mit unseren Kindern um. Und so möchten wir auch nicht behandelt werden. Meine Vorstellung von einer glücklichen Familie sieht anders aus. Damit meine ich nicht, dass ich mir absolute Konfliktfreiheit wünsche oder Kinder, die immer „Ja und Amen!“ sagen. Aber ich wünsche mir für meine Kinder, dass sie unbedarft und fröhlich durchs Leben gehen. Und nicht gestresst und frustriert.
Und ich wünsche mir von ihnen ein bisschen mehr Empathie. Dass die Kinder einmal mehr Bereitschaft zeigen, auch mal etwas für die Familie oder andere zu tun, weil sie es gerne machen. Und nicht dabei denken oder gar laut sagen: „Ich bin doch nicht Dein Diener!“

Am zermürbendsten finde ich ihre Ignoranz. Man bittet die Kids freundlich um etwas und es passiert … nichts. Man wird einfach nicht gehört. Niemand reagiert.
Ein Beispiel: Nach dem Abendessen. Ich bitte die Kinder: „Geht jetzt bitte Zähne putzen, wir wollen gleich Geschichten lesen.“ Keine Reaktion. Nach dem dritten Mal Bitten – es klingt dann schon eher wie eine Aufforderung – ernte ich ein „Nö, mache ich nicht!“ Und dann passiert auch nichts.
Was hat man da noch für eine Handhabe? Ausrasten? Rumschreien? Reagieren? Resignieren? Ich habe alles durchlebt. Ohne nachhaltigen Erfolg. Und glücklich hat es mich auch nicht gemacht!

Neulich hatte ich wirklich die Faxen dicke. Ich habe unseren Mittleren, der im Ignorieren sehr gut ausgebildet zu sein scheint, gebeten, doch in Zukunft irgendwie mal auf mich zu reagieren, wenn ich ihn anspreche. Seitdem sagt er einfach nur: „Ja, ja.“ Aber so gleichgültig und monoton, dass ich nach dem dritten Mal geschnallt habe: Er sagt mir damit: „Red Du mal.“ Oder auf deutsch: „Leck mich am Arsch!“

Viele denken jetzt wahrscheinlich: Was kotzt die Frau hier so über ihre Kinder ab. Hat sie sie nicht lieb? Oder hat sie ihre Kinder nicht im Griff? Beides kann ich verneinen. Ich liebe meine Kinder abgöttisch und möchte sie nicht mehr missen. Und wir haben auch wunderschöne Momente zusammen, wo es mit uns fünf sehr gut klappt. Allerdings habe ich noch nicht herausgefunden, was in diesen Situationen anders ist als sonst. Aber ich bleibe dran. Vielleicht ergeben sich aus meinen Analysen für mich neue, altersentsprechende Strategien, die ich dann auch gerne teilen werde. Ich merke jedenfalls, auch ich komme als Mutter in eine Phase, in der ich anders an Dinge herangehen muss als ich es bisher getan habe.

Neulich sagte mein Mittlerer zu mir: „Mama, Du bist überhaupt nicht mehr cool.“ Das hat mir ganz schön zu denken gegeben. Denn bisher habe ich mich immer als recht „coole“ Mutter empfunden. Aber mein Sohn hat recht: Mir fehlt im Moment einfach die nötige Portion Gelassenheit, um bestimmte Dinge meine Kinder betreffend einfach mit einer flotten Bemerkung in Wohlgefallen aufzulösen. Dafür bin ich einfach zu müde und kraftlos.

Ich habe mir vorgenommen: Ich möchte wieder „cooler“ sein. Vielleicht ist mehr Gelassenheit der erste Weg zum Glück. Wie das geht? Weiß ich noch nicht, wenn ich drei Streithammel vor mir habe. Aber ich werde davon in Kürze berichten. Versprochen!

 

 

 

 

„Wir sind eine Gesellschaft des Übermaßes …

… und wir sollten uns wieder darauf besinnen, das richtige Maß zu finden.“ Ungefähr mit diesen Worten schloss Wolfgang Schäuble neulich die letzte Günther Jauch-Sendung, in die ich am Ende reingezappt habe. Ich muss sagen, diese Worte haben mich im wahrsten Sinne des Wortes „bewegt“.

Denn: Ich finde, er hat recht.

Je länger ich darüber nachdenke, umso stärker bemerke ich, wie sehr wir vom Übermaß eingenommen sind. Nie bekommen wir genug: Ich habe nie genug Klamotten im Schrank, mein Mann hat nie genug Schokolade im Haus, unsere Kinder haben Weihnachts-Wunschzettel so lang wie eine Papyrusrolle … Und irgendwie sorgt dieses Klagen auf hohem Niveau immer für schlechte Stimmung.

Da es sich hier ja um recht materielle Dinge dreht, könnte man eine einfache Lösung anbieten: Konsumiert doch einfach weniger!

Aber so einfach ist das nicht. Denn das Übermaß schleicht sich auch in die Gefühlswelt ein. Mein Mann spiegelt mir das, wenn er ab und zu sagt: „Du bist schon wieder unzufrieden.“ Auch er hat damit recht. Ich bin eine sehr zielstrebige Natur. Immer muss es für mich weitergehen. Stillstand kann ich nicht akzeptieren. Also ist das Übermaß bereits in meinen Genen angelegt? Bin ich quasi selbst das Übermaß?

Zum Glück kann ich das verneinen. Denn dann würde ich nicht genervt reagieren, wenn meine Kinder mal wieder nicht wissen, was sie spielen sollen. Oder wenn sie mal wieder nicht sorgfältig mit ihren Dingen umgehen, sondern sie einfach achtlos liegenlassen oder sie in kürzester Zeit verschrotten. Ich würde dann auch nicht abends auf dem Sofa sitzen und mich fragen: Sind das nicht schon wieder viel zu viele Weihnachtsgeschenke?

Das richtige Maß kann ich selbst bestimmen.
Doch was ist das richtige Maß? Wie kann ich meinen Kindern beibringen, mit wenigen schönen Dingen zufrieden zu sein, wenn die Welt da draußen alles in Hülle und Fülle bereithält? Wenn die Regale der Freunde bei denen sie spielen genauso gefüllt sind wie ihre eigenen? Wenn die obligatorischen Geburtstagsschnucki-Tüten das Ausmaß eines Bonbon-Ladens haben? Wenn bereits Kinderfilme Längen von Blockbustern für Erwachsene aufweisen? Ehrlich gesagt, fällt es mir schwer das richtige Maß in einem absoluten Überangebot zu halten.

Das richtige Maß würde demnach „Reduzieren“ bedeuten.
Das stößt allerdings nicht auf Gegenliebe – weder bei den Kindern noch bei Außenstehenden: „Du lebst nicht in der heutigen modernen Welt.“ „Du bist streng.“ „Immer sagst Du nein.“ „Nie erlaubst Du uns was!“

Das richtige Maß ist also Ansichtssache.
Dazu ein Beispiel: Neulich haben wir den Kindergeburtstag unseres Großen nachgefeiert. Bei uns zu Hause. Alles stand unter dem Motto „Wikinger“. Weil mein Mann und ich es immer schön finden, wenn die Kinder etwas Selbstgemachtes mit nach Hause nehmen können, haben wir sie selbst kreativ werden lassen: sie durften kleine Wikinger-Boote aus Holz zusammenleimen. Dazu noch Segel aus Leinentuch, die sie selbst anmalen konnten. Danach haben wir noch eine Schnitzeljagd im Dunkeln gemacht. Mehr nicht. Die Kinder waren Feuer und Flamme und wir hatten einen wirklich schönen Geburtstag. Als ich das einer Freundin erzählte, sagte sie: „Du erzählst mir was von Maß halten und präsentierst einen solchen Geburtstag?“ Mhm, für mich war das nichts Großes: Ein Kindergeburtstag zu Hause und nicht auf dem Indoor-Spielplatz, wir basteln und gehen dann noch auf Schatzsuche. Das ist doch nicht viel. Das ist doch – gegen die Wahnsinns-Geburtstagsfeten anderer Kinder – heute nichts Besonderes mehr. Das ist doch nicht Übermaß. Für mich war es eher Schmalspur, für meine Freundin anscheinend das Gegenteil!

Das richtige Maß kann ich kontrollieren.
Ich probiere mich jetzt im Maß halten. Indem ich mich und mein Verhalten hinterfrage: Sollte ich das kaufen? Brauche ich das wirklich? Muss es davon so viel sein? Kann ich das noch gebrauchen? Oder kann ich es verkaufen oder verschenken? Müssen wir mit den Kindern schon wieder einen großen Ausflug machen oder reicht nicht auch eine Stippvisite im Garten?

Mein Vorsatz: Das richtige Maß finden.
Obwohl ich kein Freund von guten Vorsätzen bin, habe ich mir für 2016 vorgenommen: Ich werde versuchen, das richtige Maß zu finden. Denn nur wenn ich selbst maßvoll lebe, quasi als Vorbild, werden meine Kinder lernen, ebenfalls ihr „richtiges“ Maß zu entwickeln. Ich hoffe, dass sie dann insgesamt zufriedener und dankbarer sind. Ich wünsche, dass sie dann noch achtsamer und rücksichtsvoller durch die Welt gehen.

Unser Trauspruch bringt es auf den Punkt:
„Seid zufrieden mit dem, was ihr (aneinander) habt.“ (Anm.: leicht abgeändert).
Das nehme ich mir ab sofort noch mehr zu Herzen.

Und damit wünsche ich Euch ein gesundes, glückliches und maßvolles Jahr.

„Warum steht das nicht in Deinem Blog?“

Das fragte mich neulich ein guter Freund, als ich an einem schönen Sonntagnachmittag folgende Geschichte zum Tischgespräch beitrug:

Es war an einem Freitag im Frühsommer. Das Wochenende stand vor der Tür. Die Sonne schien, es war warm. Und ich musste mit den Kindern Zeit überbrücken. Zeit zwischen die-Kleinen-von-der-Kita-abholen und den-Großen-zum-Klavierunterricht-bringen. Was bietet sich da an? Erst einmal ein Eis essen gehen und dann noch auf den Spielplatz. Als ich den Kindern mein Vorhaben vorschlug, erntete ich ein freudiges „Au ja!“ Die Laune war dem Wetter entsprechend, die Eisdiele knackevoll mit vielen Mamas mit noch mehr Kindern.

Wir setzten uns auf eine Bank vor den Eisladen und aßen genüsslich unser Gefrorenes. Die Jungs deutlich schneller als ihre kleine Schwester. Als die Großen fertig waren, standen sie auf und lungerten vor einem Kiosk-Schaufenster herum. Plötzlich sah ich, wie die beiden aus heiterem Himmel anfingen sich zu prügeln. Und zwar so richtig.

Der Kleinere, aber nicht gerade schwächere, schmiss sich auf den Großen und kloppte mehrmals mit geballter Faust auf dessen Ohr. Ich war so überrascht und geschockt von dem Anblick, dass ich erst einmal gar nicht reagieren konnte (deswegen gibt es zu diesem Beitrag auch kein Foto ;-)). Ich war wie gelähmt. Ich sah nur dieses Kinderknäuel auf dem Großstadtasphalt und dachte… gar nichts.

Dann regte sich in mir etwas: Angst und Scham. Angst davor, dass meinem Großen bei dem Übergriff seines kleinen Bruders etwas zugestoßen sein könnte. Und Scham darüber, dass meine (!) Kinder sich auf offener Straße prügelten.

Ich musste handeln: Ich sprang auf, rannte zu den beiden Ringern, zog sie auseinander und holte tief Luft. In dem Moment hätte ich sie gerne angeschrien: Habt ihr noch alle Tassen im Schrank? Aber macht man das vor so vielen fremden Leuten … Ich korrigiere: vor so vielen fremden Eltern?

Alle Augen ruhten auf uns. Also atmete ich tief aus und begann, den Streit einigermaßen ruhig zu klären. Ich hielt beide am Arm fest, ein Auge auf die recht unbeeindruckt Eis essende Kleine gerichtet, das knallrote Ohr pustend. Mein Großer weinte. Der Kleine guckte frech aus der Wäsche. Ich fragte: „Warum hast Du das gemacht?“ Aber er wollte sich nur von mir losreißen. Ich hielt ihn noch fester.

Mir fiel nichts ein. Ich wollte nur noch weg. Weg von den Blicken der Mütter. Ich gebe zu: In diesem Moment habe ich mich wirklich für meine Kinder geschämt. Und ich war wütend darüber, dass ich spontan keine adäquate Reaktion parat hatte: Ich packte die drei und habe den zweiten Programmpunkt gestrichen. Mit den Worten: „Mit so zwei Streithammeln wie Euch gehe ich nicht auf den Spielplatz.“ Ich verfrachtete die drei ins Auto und fuhr mit ihnen zum Fahrradladen. Dort mussten sie dann darauf warten, dass ich mein niegelnagelneues Fahrrad mitnehmen durfte. Für die Kids seeehr langweilig. Danach sind wir zum Klavier gefahren. Es war beängstigend ruhig im Auto.

Später musste sich der Kleine noch bei seinem großen Bruder entschuldigen.

Meine Antwort auf die Frage meines Freundes „Warum steht das nicht in Deinem Blog?“ geht ganz schnell: Weil der Blog „Strategien einer Mutter“ heißt und ich in dieser Situation einfach keine Strategie parat hatte. Aber vielleicht ist es auch mal eine Strategie, keine zu haben. Ich bin ja auch nur ein Mensch.

So mein lieber Stefan. Ich hoffe, Du bist jetzt zufrieden! 😉

#strategieneinermutter

An den Jungen mit den Wackelzähnen

Es ist ganz normal. Das natürlichste von der Welt. Deine Zähne wackeln. Und zwar jeden Tag ein Stück mehr. Der ein oder andere ist sogar schon ausgefallen. Und Du bist soooo stolz darauf. In der Schule habt ihr einen kleinen Wackelzahn-Wettbewerb laufen. Und ich weiß, dass Du dabei auch schon ein bisschen geflunkert hast. Nur, um vorne dabei zu sein. Nur, um nicht mehr wie ein Baby da zu stehen.

Und Du hast recht. Deine wackeligen Zähne sind ein klares Zeichen dafür, dass Du groß wirst. Weg vom Kleinkind mit dem weißen Milchgebiss. Hin zu dem jungen Mann mit den – im Moment noch – viel zu großen, eigensinnigen und viel raueren, individuelleren Zähnen. Den Zähnen, die Dich im Idealfall durch den Rest Deines Lebens begleiten werden. Die Dir das Überleben sichern, indem Sie Deine Nahrung zerteilen. Die Deine Freude ausdrücken, wenn Du sie zeigst. Oder auch Deine Wut.

Aber genau wie Deine Zähne, wackelt im Moment auch Deine Persönlichkeit. Irgendwie fühlst Du Dich schon groß. Du denkst, Du kannst schon alles selbst entscheiden. Wie ein Erwachsener. Deshalb fragst Du uns auch gar nicht mehr. Du machst einfach. Dass dabei auch mal etwas gehörig schief gehen kann, hast Du neulich erlebt. Zum Glück hattest Du dabei einen riesengroßen Schutzengel. Dem ich sehr dankbar bin für das, was er da leistet.

Aber vielleicht merkst Du jetzt auch, dass Du uns doch noch manchmal brauchst. Nicht, um für Dich, sondern um mit Dir zu entscheiden. Was gut ist und was nicht, können wir ganz Großen am Ende vielleicht doch besser überblicken.

Wir sind nicht gegen Dich. Deswegen musst Du auch nicht immer „Hott“ sagen, wenn wir „Hüh“ meinen. Du musst Dich nicht gegen uns wehren. Sondern wir glauben daran, dass wir uns mit Dir auf Kompromisse einigen können. Und das haben wir Dir ja auch schon gezeigt, indem wir Dir Dinge erlauben, die Deine jüngeren Geschwister noch nicht dürfen – abends ein bisschen länger Aufbleiben zum Beispiel.

Es ist ein wichtiger Schritt, den Du da gerade machst. So anstrengend es mit Dir zur Zeit manchmal ist, Du machst mich stolz. Denn ich sehe in Deinem Verhalten, dass Du sehr viel Selbstbewusstsein hast. Was nichts anderes heißt, als dass Du Dir Deiner Selbst bewusst bist. Deiner Gefühle, Deiner Bedürfnisse, Deines Ichs. Nur, dass Du damit noch nicht so richtig umzugehen verstehst.

Fakt ist: Deine Zähne werden so lange wackeln, bis der Letzte ausgefallen und gegen einen Neuen ersetzt wurde. Und das kann noch ein Weilchen dauern. Lass’ uns bitte teilhaben an dieser für Dich wichtigen Zeit. Denn nicht nur Deine Zähne bleiben und prägen Dich. Auch wir bleiben – so lange wir können – bei Dir.

Deine Zähne zeigen, wer Du bist. Pflege sie gut.

#strategieneinermutter

Ich bin eine Rabenmutter

Zumindest für meine Nachbarn. Hierzu zwei Erlebnisse, die sich vor Kurzem zugetragen haben:

1. Erlebnis:
Ich komme mit meinen Kindern gegen 16 Uhr nach Hause.
Wir treffen eine Nachbarin – sie ist ungefähr um die 70. Sie fragt mich prompt: „Kommt Ihr jetzt erst nach Hause?“
Ich: „Ja.“
Sie: „Waren die Kinder etwa so lange in der Schule und im Kindergarten?“
Ich: „Ja.“ und füge etwas entschuldigend hinzu: „Ich gehe ja auch wieder arbeiten.“
Sie: „Ach, auch das noch. Also ich bedauere ja die Kinder von heute. Die bekommen ja gar keine Zeit zum freien Spielen mehr.“ Und dann setzt sie dem Ganzen noch die Krone auf: „Du kannst sie ja mal zu mir schicken. Dann haben sie endlich mal wieder jemanden, der richtig mit ihnen spielt!“
Ich völlig perplex: „Das ist nett, aber wir kommen schon klar.“ Denken tue ich aber: „Zu Dir d….. K.. werde ich meine Kinder niemals schicken.“

2. Erlebnis.
Ein paar Wochen später komme ich wieder mit meinen Kindern gegen 16 Uhr nach Hause.
Wir treffen einen Nachbarn – er ungefährt um die 70, seinen einjährigen Enkel durch die Gegend schiebend.
Er fragt mich prompt: „Haben Sie jetzt erst die Kinder aus der Schule abgeholt?“
Ich: „Ja. Ich muss ja vormittags arbeiten.“
Er: „Das ist aber ganz schön lang.“
Ich: „Ja, so ist das heute. Die wenigsten Kinder gehen heute mittags nach Hause, weil die Eltern berufstätig sind.“
Er: „Und die können dann in der Schule bleiben?“
Ich: „Ja, die Kinder bekommen Mittagessen, machen Hausaufgaben und dürfen dann noch frei spielen.“
Er: „Aha, das war ja früher schon besser.“
Ich: „Na ja, die Zeiten ändern sich eben. Und den Kindern geht es gut.“
Er: „Wirklich?“
Ich: „Ja!“ Und füge in Gedanken ein „verdammt“ hinzu.

Obwohl ich sie kaum kenne, haben diese beiden Nachbarn es tatsächlich geschafft: Ich hatte tagelang ein schlechtes Gewissen.
Dabei sind beide selbst Eltern von erwachsenen, berufstätigen Kindern. Und beide haben fremdbetreute Enkelkinder, während ihre eigenen Kinder zum Beispiel ganztags in der Charité schuften. Mit welchen Vorwürfen konfrontieren sie wohl die?
Vorbei sind die Zeiten wo sich das frau sein auf Haushalt und Kinder beschränkt. Je nachdem, wie man sich entscheidet. Und ich habe mich eben für Familie und Arbeit entschieden. Und das ist auch gut so.

Ich meine: Sehen so unglückliche Kinder aus?

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Ich mag vielleicht weniger qualitative Zeit am Tag mit meinen Kindern haben. Dafür ist sie für uns alle umso wertvoller: An den Nachmittagen stelle ich nämlich keine Waschmaschine an oder räume die Spülmaschine aus. Sondern ich spiele – wenn es gewünscht ist – mit meinen Kindern: Gestern erst wurde ich zum bösen Drachen, der von den Kinder-Rittern mit Schwert, Schild und Helm gefangen und in der Garten-Ritterburg festgehalten wurde. Ob ich zu diesen Spielen Lust hätte, wenn ich nicht vorher meine Erwachsenen-Zeit an der Arbeit verbracht hätte? Ich glaube eher nicht.

Für meine Nachbarn bin ich vielleicht eine Rabenmutter. Für meine Kinder bin ich – O-Ton – „die beste Mama von der Welt.“ Und das ist doch das einzige, was zählt.

#strategieneinermutter

Abrechnung mit dem Trotz

Trotz, ich bin ehrlich zu Dir: ich habe Dich nicht vermisst. Eigentlich hatte ich Deine Existenz ganz vergessen … na ja wohl eher verdrängt. Aber ich hätte mir denken müssen, dass Du Dir das nicht bieten lässt.

Von einem Tag auf den anderen schleichst Du Dich in den Körper meiner Kleinsten ein. Ein Mädchen, das vor Fröhlichkeit, Glück und Liebe nur so strotzt. Und dann kommst Du. Überwältigst sie. Machst aus ihr etwas, dass sie mich nicht wiedererkennen lässt: eine Furie.

Trotz, es ist unfassbar, zu was Du in der Lage bist: Du lässt mein kleines Kind kreischen, schluchzen, wüten, toben, hinfallen, aufstehen, herumrennen, hinschmeißen, den Kopf anstoßen, verzweifeln … und das alles auf einmal.

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Es ist so hart für mich mitanzusehen, dass sie selbst nicht weiß, wie sie mit Dir umgehen soll. Aber genau dieses Gefühl genießt Du sicherlich.

Oh Trotz! Was kann ich nur gegen Dich tun? Du lässt sie mich nicht trösten. Du lässt mich aber auch nicht weggehen. Ihr „Nein, Mami, nicht!“ bricht mir das Herz.
Du zwingst mich dazu, einfach daneben zu sitzen und Dein Wirken mitansehen zu müssen. Du bist so gemein. Nicht nur zu mir. Auch zu ihren Brüdern. Sie verstehen die Welt nicht mehr, wenn sie ihre Schwester so sehen. Sie kennen Dich nämlich gar nicht mehr.

Ich weiß, dass meine Tochter Dich, Trotz, braucht: Um Grenzen auszuloten. Um ihren Willen auszutesten. Um ihre Persönlichkeit zu formen. Um zu wachsen.

Ich brauche Dich aber nicht. Mir kostest Du nur Zeit, Kraft und Nerven. Ich wünschte, ich wäre in der Lage, Dich zu vertreiben. Aber ich bin nur ein ganz normaler Mensch. Und mir bleibt nichts übrig als für meine Kleine da zu sein und zu warten. Bis Du keine Lust mehr an Deinem Schaffen hast. Bis Du Dich verziehst. Bis Du mein Kind endlich wieder in Frieden leben lässt.

Du bist wie ein Orkan, der über uns hinwegfegt. Du bist aber auch wie ein Feigling, der sich jedes Mal ganz still und heimlich wieder verzieht.

Trotz allem: eine Genugtuung habe ich schon jetzt. Diese stellt sich bei mir immer dann ein, wenn mein kleiner Spatz, von Deinem Treiben ganz erschöpft, in meinen Armen liegt:

Es ist das Wissen, dass Du eine begrenzte Lebenszeit hast. Und das bei allen Kindern auf dieser Welt.

Mach’ Dich auf den Zeitpunkt gefasst, wenn ihr Verstand größer ist als Du. Wenn sie verstehen, dass sie Dich nicht brauchen, um ihre Bedürfnisse zu äußern. Wenn sie begreifen, dass sie mit Worten mehr erreichen können. Wenn sie erkennen, dass ihr Umfeld für sie nachvollziehbarer reagiert.

Dann sind sie groß genug, um den Kampf gegen Dich anzutreten. Sie werden wissen, wie sie Dich abwehren können. Sie werden jeden Anflug deinerseits mit einer lapidaren Handbewegung wegwischen. Als wärst Du eine kümmerliche Fliege. Ein zu vernachlässigender Windhauch.

Na, hast Du jetzt schon ein bisschen Muffesausen vor den Kleinen? Du solltest mit ihnen rechnen.

Ich sage Dir Trotz: Bei jedem Kind ist es irgendwann Dein letzter Kampf, den Du kämpfst. Irgendwann kommt der Tag. Und dann bist Du Schnee von gestern.

#strategieneinermutter