Ich bin eine Rabenmutter

Zumindest für meine Nachbarn. Hierzu zwei Erlebnisse, die sich vor Kurzem zugetragen haben:

1. Erlebnis:
Ich komme mit meinen Kindern gegen 16 Uhr nach Hause.
Wir treffen eine Nachbarin – sie ist ungefähr um die 70. Sie fragt mich prompt: „Kommt Ihr jetzt erst nach Hause?“
Ich: „Ja.“
Sie: „Waren die Kinder etwa so lange in der Schule und im Kindergarten?“
Ich: „Ja.“ und füge etwas entschuldigend hinzu: „Ich gehe ja auch wieder arbeiten.“
Sie: „Ach, auch das noch. Also ich bedauere ja die Kinder von heute. Die bekommen ja gar keine Zeit zum freien Spielen mehr.“ Und dann setzt sie dem Ganzen noch die Krone auf: „Du kannst sie ja mal zu mir schicken. Dann haben sie endlich mal wieder jemanden, der richtig mit ihnen spielt!“
Ich völlig perplex: „Das ist nett, aber wir kommen schon klar.“ Denken tue ich aber: „Zu Dir d….. K.. werde ich meine Kinder niemals schicken.“

2. Erlebnis.
Ein paar Wochen später komme ich wieder mit meinen Kindern gegen 16 Uhr nach Hause.
Wir treffen einen Nachbarn – er ungefährt um die 70, seinen einjährigen Enkel durch die Gegend schiebend.
Er fragt mich prompt: „Haben Sie jetzt erst die Kinder aus der Schule abgeholt?“
Ich: „Ja. Ich muss ja vormittags arbeiten.“
Er: „Das ist aber ganz schön lang.“
Ich: „Ja, so ist das heute. Die wenigsten Kinder gehen heute mittags nach Hause, weil die Eltern berufstätig sind.“
Er: „Und die können dann in der Schule bleiben?“
Ich: „Ja, die Kinder bekommen Mittagessen, machen Hausaufgaben und dürfen dann noch frei spielen.“
Er: „Aha, das war ja früher schon besser.“
Ich: „Na ja, die Zeiten ändern sich eben. Und den Kindern geht es gut.“
Er: „Wirklich?“
Ich: „Ja!“ Und füge in Gedanken ein „verdammt“ hinzu.

Obwohl ich sie kaum kenne, haben diese beiden Nachbarn es tatsächlich geschafft: Ich hatte tagelang ein schlechtes Gewissen.
Dabei sind beide selbst Eltern von erwachsenen, berufstätigen Kindern. Und beide haben fremdbetreute Enkelkinder, während ihre eigenen Kinder zum Beispiel ganztags in der Charité schuften. Mit welchen Vorwürfen konfrontieren sie wohl die?
Vorbei sind die Zeiten wo sich das frau sein auf Haushalt und Kinder beschränkt. Je nachdem, wie man sich entscheidet. Und ich habe mich eben für Familie und Arbeit entschieden. Und das ist auch gut so.

Ich meine: Sehen so unglückliche Kinder aus?

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Ich mag vielleicht weniger qualitative Zeit am Tag mit meinen Kindern haben. Dafür ist sie für uns alle umso wertvoller: An den Nachmittagen stelle ich nämlich keine Waschmaschine an oder räume die Spülmaschine aus. Sondern ich spiele – wenn es gewünscht ist – mit meinen Kindern: Gestern erst wurde ich zum bösen Drachen, der von den Kinder-Rittern mit Schwert, Schild und Helm gefangen und in der Garten-Ritterburg festgehalten wurde. Ob ich zu diesen Spielen Lust hätte, wenn ich nicht vorher meine Erwachsenen-Zeit an der Arbeit verbracht hätte? Ich glaube eher nicht.

Für meine Nachbarn bin ich vielleicht eine Rabenmutter. Für meine Kinder bin ich – O-Ton – „die beste Mama von der Welt.“ Und das ist doch das einzige, was zählt.

#strategieneinermutter

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10 Gedanken zu “Ich bin eine Rabenmutter

  1. Oh, wie gut ich das kenne! Und das eigene schlechte Gewissen ist der strengste Kritiker. Meine Kinder sind glücklich und zufrieden in der langen Fremdbetreuung in Kita und Schule – sie kennen es ja auch gar nicht anders, aber entsprechende Nachfragen á la „die armen Kinder“ lassen mich nicht unberührt. Als die eine Oma das jüngere Kind dann neulich „retten“ (sprich: früher abholen) wollte, damit es nicht den ganzen Tag in der Kita verbringen muss, ist er prompt erst nicht mitgegangen, weil er noch spielen wollte. Needless to say: auch das war meine Schuld, er kennt ja die Kita-Erzieherinnen besser als seine eigene Oma, weil ich ihn dort jeden Tag 8 Stunden abgeben… Ups. Ich mache Schluss. Werde schon wieder wütend. Außerdem muss ich arbeiten… 😉

  2. Ich weiss gar nicht, was die haben. Es ist doch viel besser mit anderen Kindern im Kindergarten zu spielen, als mit der Mutter und nur den Geschwistern.

  3. Schlimm an solchen Gesprächen finde ich ja diesen subtilen Unterton und die Unterstellungen, die dabei von der Gegenseite mitschwingen.

    Ich sage dann auch mal gerne – „Ich bin groß – ich weiss schon was ich da tu“

    Dann ist meistens Ruhe 😉

  4. Zum Glück lebe ich in einem Haus mit vielen Kindern, Mamas, die arbeiten – Vollzeit, Teilzeit – , Papas die auch Verantwortung übernehmen, mittelalten Leuten, die sich über das junge Gemüse freuen und einer alten Dame, die die Kinder lieben, die bei hohem Lautstärkepegel das Hörgerät ausschaltet und NIEMALS ungefragt Erziehungstipps gibt. Leider ist sie damit offensichtlich eine seltene Version ihrer Gattung. Es gibt immer was zu meckern, die meisten Leute glauben anscheinend, dass alles, was nicht ihrem eigenen (längst vergangenen) Lebensstil entspricht, sei ein Angriff auf ebendiesen. Ich halte es da inzwischen auch mit: „Lasse reden“. Denn schlagfertig ist man eben immer nur später und dem kleinen bösen Teufel, der uns einredet, wir sollen uns für unser „Wir wollen eben alles!“ schämen, gehört eine ranzige Reiswaffel zwischen die Zähne gehauen. 🙂 Lass Dich nicht ärgern, auch wenn es schwer ist.

  5. Bin auch Rabenmutter.. Hier in Belgien gehen Kinder schon ab DREI Monaten in die Krippe und Mamas wieder voll arbeiten. Ganz normal, ganz selbstverständlich. Ich bin ganze sechs Monate zu Hause geblieben und die Belgier wunderten sich 🙂
    Vorwürfe gibt’s hier nicht – ich bekomme sie nur aus dem deutschen Umfeld.. Schade oder!?
    Danke für Deinen tollen Blog Mascha!!

  6. Was die Nachbaren wirklich gedacht haben, wissen wir nicht. Es ist aber sehr gut denkbar, dass du hier zu viel reingelesen hast. Insbesondere, falls die beiden Blogs betreiben, sehe ich die Gefahr als eher klein an, dass sie Beiträge mit dem Titel „Meine Nachbarin ist eine Rabenmutter“ geschrieben haben.

    Ohne dir etwas zu unterstellen (sondern eher der Gesellschaft) bin ich allerdings selbst sehr skeptisch zu der Aufbewahrung im Kindergarten und der Schule (insofern es über die Bildung hinausgeht): Kinder in Gruppen haben zumindest zwei Nachteile. Erstens, dass viele Kinder, es tatsächlich nicht gerne hat, etwa weil es zu laut wird, weil die anderen nerven, oder weil man nicht eigene Interessen gut nachgehen kann. (So war es z.B. bei mir.) Zweitens, weil der Umgang mit Erwachsenen mehr zur Reifung, sozialen Kompetenzen, usw., beitragen kann.

  7. Ein typischer Fall von „Ich muss mich überall einmischen“ und „Früher war alles besser“.

    Lass dir kein schlechtes Gewissen machen. Du weißt am besten, was gut ist für deine Kinder und dich!

  8. Wenn die Raben Kinder haben,
    kümmern sie sich drum:
    Rabenmutter holt das Futter und fliegt weit herum.
    Rabenvater scheucht den Kater oder Katze weg.
    Wenn die Kleinen ängstlich weinen kriegt er einen Schreck.
    Kurz:
    Die Rabenkinder haben Eltern lieb und gut,
    die ernähren und beschützen ihre junge Brut.
    Teure Mädchen, werte Knaben;
    Sagt nun selbst, sind solche Raben Rabeneltern?
    Nein!
    Lasst uns wünschen liebe Leute,
    manche Menschen mögen heute
    Eltern wie die Raben sein!

    – James Krüss

  9. Hallo, oh ja, das kenne ich. Guten Tag, Du liebes schlechtes Gewissen….😄 Dabei gibt es keine Studie auf dieser Welt, die wissenschaftlich belegen kann, dass Kinder bei Mama zu Hause besser aufgehoben sind. Das ist nämlich nicht wahr und bei uns nur irgendwie ins vermeintliche Allgemeinwissen gewandert. Ich finde das Buch „Vive la famille“ räumt ganz gut mit diesen mütterfeindlichen Ideologien auf. Habe es gerade gelesen und das tat gut, denn ich habe solche Sprüche auch schon hören müssen und tagelang darauf herum gegrübelt. LG, Martamam

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