Gastauftritt: Er-ziehen oder sich (aus der Kindheit) selbst herausführen?

In meiner Kindheit (Nachkriegszeit) hieß es immer: tu dies nicht, tu das nicht! Meist ohne Begründung. Und dann gab’s auch schnell mal was hinter die Löffel, wenn man nicht spurte. „Bohr nicht in der Nase!“ (aber es gab noch keine Papiertaschentücher und die Gebügelten nur sonntags). „Schiel nicht, sonst bleiben die Augen so stehen!“ „Lauf nicht übern Onkel, sonst werden die Füße schief.“ „Mach einen Diener, wenn du jemandem die Hand gibst!“ usw. usw.

Dieses Muster schleicht sich in die Seele: wenn ich nicht  mache, was die Eltern wollen, werde ich entweder Krüppel oder asoziales Subjekt oder beides. Dabei haben meine Eltern mich Erstgeborenen zweifellos geliebt und sie wollten das Beste für mich. Aber da sie als Nachkriegsdeutsche unter den Besatzungsmächten selber unter Druck standen, möglichst nicht anecken wollten, sich der neuen Zeit anpassen mussten, wurden wir Kinder erzogen wie man einen Baum stutzt, damit er in Form kommt. „Bloß nicht auffallen“, war das geheime Motto ihrer Erziehung. Und die meisten unserer Willensäußerungen wurden erst einmal gekappt. Aber das habe ich erst später kapiert.

Als wir selber Eltern waren, haben wir es anders versucht. Motto: Unser Kind wird dafür geliebt, dass es da ist und sonst nichts. „Das Kind“ sollte nicht Objekt unserer Er-ziehung werden, sondern sich als möglichst eigenständiges Subjekt in unserem Zusammenleben empfinden. Es sollte sich ernst genommen fühlen. Wenn ein Verbot sein musste, oder eine Verhaltensänderung erwünscht war, haben wir das erklärt und begründet oder unsere eigene Sorge um „unser Kind“  ausgedrückt.

Wir haben es weitgehend in den Entscheidungsprozess hineingenommen und das ging bis zur selbständigen Schulwahl und dem Umgang mit dem Taschengeld und der Wahl des Freundeskreises. Als die Mädchen erste Freunde hatten, haben wir sie zu uns kommen lassen, damit wir sie und sie uns kennenlernen konnten. Und sie durften mit auf die Mädchenzimmer. Dieses Abwägen der Spielräume  ging auch nicht immer ohne Konflikte und Kräftemessen und überhöhte Freiheitsansprüche ab. Am Ende aber stand meistens eine für Eltern und Kinder akzeptable Lösung.

Die Kinder sollten auf diesem Wege (mit unserer Hilfe) zu sich selbst geführt werden (educatio). In diesem Prozess wurde uns auch mehr als deutlich, dass wir Eltern nicht perfekt sind und auch nicht sein müssen. Wenn wir zu unseren eigenen Schwächen stehen, hilft das den Kindern mehr als die übliche Machtdemonstration, die irgendwann durchschaut wird und dann nicht mehr greift.

„Denn man kann seine Kinder nicht besser erziehen, als man selber ist.  Wenn sie trotzdem besser werden, dann hat man wenigstens ihre Entwicklung nicht gestört. Und mehr kann man nicht verlangen.“ (R.G.E.Lempp)

Gastautor: mein Vater, 69 Jahre, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Vater von drei erwachsenen Töchtern
Ich habe ihn um einen Gastartikel zu diesem Thema gebeten, weil er (und meine Mutter natürlich auch) große Vorbilder für mich sind, was den Umgang und die „Erziehung“ von Kindern betrifft

Mehr Informationen über diese Rubrik findet ihr in der Navigationsleiste unter „Gastauftritt“

#strategieneinermutter

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