Spielbesuch: leicht oder lästig?

Seitdem unsere Jungs circa vier Jahre alt sind, verabreden sie sich nachmittags mal mit Freunden. Ohne meine Anwesenheit versteht sich. Wenn eins unserer Kinder den Nachmittag bei einem Freund oder einer Freundin verbringt, ist dies für mich sehr entspannend. Es entlastet mich. Mein Motto: „Ein Kind ist kein Kind.“ Die Kleine ist ja relativ pflegeleicht, die zählt noch nicht mit.

Wenn wir aber Spielbesuch nach Hause bekommen – und das muss gerechterweise auch stattfinden -, habe ich plötzlich vier Kinder. Drei, die potenziell miteinander spielen können und die Kleine noch dazu. Dies gestaltet sich zunehmend als schwierig. Denn der, der keinen Freund zu Besuch hat, ist immer ein bisschen außen vor. Der will aber mitmischen. Das führt bei meinen Kindern eigentlich immer zu Frust, Streit und Ärgereien – untereinander versteht sich. Das kann mehr oder weniger stark ausfallen – je nachdem, ob wir leichten oder lästigen Spielbesuch bei uns zu Hause haben.

Leichter Spielbesuch sind Kinder, die bei uns ankommen, mit den Jungs im Kinderzimmer oder Garten verschwinden und das Gespann nur zu mir kommt, wenn es Durst oder Hunger hat oder mal aufs Klo muss. Das klingt boshaft, ist es vielleicht auch, aber (1) mit drei Kindern habe ich tagtäglich schon genug zu tun und (2) Kinder sollten auch mal untereinander spielen und nicht immer das elterliche Bespaßungsprogramm in Anspruch nehmen müssen.
Witzigerweise schaffen das die Mädchen. Als ob sie die ersten Testosteron-Schübe unserer Jungs mildern, ja fast bezirzen können, werden sie in der Anwesenheit von Mädchen ruhig, spielen konzentriert und begeistert. Einfach wunderbar. Es gibt auch Jungs, mit denen meine Kinder tolle Spielnachmittage verbringen, allerdings kann ich die nur an drei Fingern abzählen.

Und damit leite ich zum eher lästigen Spielbesuch über: In der letzten Zeit habe ich oft beobachtet (gerade bei den Großen, also 6jährigen), dass unsere kleinen Besucher überhaupt nicht in der Lage waren, zu spielen. Und das, obwohl sich mein Großer wirklich darum bemüht hat, ein Spiel in Gang zu bringen: er präsentierte sämtliches Spielzeug oder schlug Spiele vor. Den ganzen Nachmittag kam nichts zwischen den Kindern zustande. Das überraschte mich, weil ich bisher angenommen hatte, dass Kinder immer irgendein Spiel für sich finden. Stattdessen hingen die Besuchs-Kinder an meinem Hosenbein und wichen mir nicht mehr von der Seite. Am besten noch mit dem Satz: „Was machst Du da?“ Ich: „Ich koche mir einen Tee.“ Das Kind: „Kann ich auch einen?“ Ich: „Ja klar, aber dann gehst Du wieder spielen.“ Das Kind bekommt den Tee, bleibt aber bei mir. Ich: „Willst Du nicht mit den Jungs spielen?“ Kind: „Nee.“ Ich: „Warum denn nicht?“ Kind: „Keine Lust.“ Die Folge: Ich habe einen anstrengenden Nachmittag und einen völlig frustrierten Sohn am Abend – gern auch mal vor Enttäuschung weinend. Komischerweise spielen diese Kinder mit meinem Sohn, wenn sie bei sich zu Hause sind, super miteinander.

Das hat mich so verwirrt, dass ich Ursachenforschung betrieben habe. Ich bin zwar zu keiner brauchbaren Lösung, jedoch zu einer Hypothese gekommen: Unser Haushalt ist nicht so mit Spielzeug ausgestattet, wie der anderer Kinder. Bei uns gibt es – meiner Meinung nach – genug zu spielen: unter anderem Lego duplo und Kleinlego, Eisenbahnsysteme, diverse Playmobil-Utensilien, Schleichtiere, Werkbank, Kinderküche, Gesellschaftsspiele etc. Damit muss ein Kind doch was anfangen können. Meine Kinder sind zwar auch manchmal uninspiriert, was ihr Spielen angeht, aber eigentlich brauchen sie gar nicht so viel – vielleicht mal einen ideenhaften Anstupser. Sie spielen gerne Rollenspiele. Sie schlüpfen in die Welten von Piraten, Wikingern, Cars Autos, Postboten, Köchen, Planes Flugzeugen, Bären- oder Hasenfamilien, Abenteurern, Forschern … Dafür brauchen sie nicht die zehnte Playmobil-Ritterburg (unser 150€-Modell steht seit Monaten unaufgebaut auf dem Schrank und wird nicht angefordert), sondern eher einen Kochtopf als Astronautenhelm. Wenn unser großer Sohn also bei seinen Freunden dem Spielzeug-Overload ausgesetzt ist (er berichtet gern davon: „Mama, ich habe gar kein richtig gutes Spielzeug!“), dann klappt das Spiel natürlich gut. Anders herum kann es dann aber gar nicht funktionieren. Wenn sie bei uns sind, ist diesen Kindern wahrscheinlich schlicht langweilig.

Eine weitere Hypothese kommt von der Cousine meines Mannes. Als ich mich neulich mit ihr über mein Problem unterhielt, sagte sie nur: „Du bist einfach zu nett.“ Da habe ich erst einmal gestutzt. Dann sagte sie noch: „Du musst den Kindern klipp und klar sagen, dass sie nicht bei Dir abhängen, sondern zu Deinen Kindern abdampfen sollen.“ Mag sein, dass sie recht hat. Aber das kann ich nicht, weil ich so nicht bin.

Hypothesen hin oder her. Bis ich der Sache auf den Grund gegangen bin, lautet meine Strategie: Meine Söhne dürfen die „Lästigen“ gerne bei sich zu Hause besuchen. Zu uns kommen bitte nur noch die, die mich entlasten. Ich will mich hier nicht als Kinderhasserin oder schlechte Gastgeberin hinstellen, aber diese Selektierung muss ich mir zum Schutze meines Seelenheils einfach erlauben.

Übrigens: Meine Schwester schützt ihr Seelenheil, indem sie ihren Kindern – sie hat auch drei – nur einen Spielbesuch pro Woche zugesteht. „Anders ertrage ich das nicht,“ sagt sie. Ich kann sie sehr gut verstehen.

#strategieneinermutter

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