Danke für das Klischee: #zeitschenken

Ich bin mir sicher: Mit diesem Gedankengut werde ich polarisieren. Aber dieses Risiko gehe ich ein, weil es mir am Herzen liegt. Nicht nur aus beruflichem Hintergrund als Kommunikationsstrategin, sondern vor allem als potenzieller Adressat, nämlich Mutter von drei Kindern.

Anlass ist der diesjährige EDEKA-Weihnachtsspot #zeitschenken.
Für alle, die ihn noch nicht gesehen haben – obwohl ich mir das fast nicht vorstellen kann, denn er zählt nach nur 1,5 Tagen schon knapp 1,7 Mio. Youtube-Views – wird in diesem Spot auf wirklich rührende Art und Weise darauf aufmerksam gemacht, dass wir uns doch im Alltagsstress mal wieder mehr um unsere Kinder kümmern sollen, gerade zu Weihnachten. Wir sollen ihnen „Zeit schenken“.

Und genau das ist es, was mich so wütend macht. Was soll das? Ehrlich gesagt, geht mir dieses ständige „Eltern-Gebashe“ kolossal auf die Nerven. Es ist ja nicht nur EDEKA, die einem ein schlechtes Gewissen machen wollen, sondern auch hohes C und sogar Aldi. Habe ich noch eine Marke vergessen, deren Hauptumsatz sich aus Familieneinkäufen speist?
Sagt mal ehrlich: Wer von Euch will das denn noch hören?

Einerseits wird uns unterstellt, dass unsere Kinder heutzutage zu wenig Zuneigung bekommen. Wir kümmern uns zu wenig, gehen lieber arbeiten oder starren in unser Handy. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wessen Eltern haben sich wirklich oft mit Euch beschäftigt als Ihr noch Kind wart?

Wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, sah das so aus: Mein Vater konnte als Gemeindepastor von zu Hause arbeiten, war daher oft da (eine Luxus-Situation für die 1980/90er), meine Mutter ging in Teilzeit immer Spätschichten als Krankenschwester arbeiten. Es war also – bis auf wenige Ausnahmen – immer jemand Erwachsenes da. Das heißt aber nicht, dass meine Eltern in der Zeit dauernd mit uns zusammengehockt hätten. Das wollten wir auch gar nicht. Wir waren draußen mit den Nachbar-Kindern, rannten durch die Gärten und malten Kreide auf der Straße. Die großen Kinder haben auf die Kleinen aufgepasst. Und wenn die Kirchenglocken um 18 Uhr läuteten, sollten wir Heimkommen. In der Zwischenzeit wussten meine Eltern nicht, was wir machten oder wo wir waren. Aber ich denke, sie haben sich auch keine Sorgen um uns gemacht. Wichtig für uns war zu wissen: Im Notfall ist jemand für uns da, wir müssen nur schnell nach Hause rennen. Natürlich haben unsere Eltern auch mal mit uns gespielt, aber bitte doch nicht dauernd.

Heute kreisen wir um unsere Kinder als gäbe es keinen anderen Mittelpunkt im Leben. Wir binden ihnen die Schuhe, bringen sie zur Schule und am liebsten würden wir ihnen auch noch die Hausaufgaben machen.
Das wird verurteilt.

Andererseits liest man heutzutage dauernd in den Medien von einer egozentrischen, uninspirierten, gelangweilten Kindergeneration, die ständig Aufmerksamkeit braucht und sich nicht mehr selbst beschäftigen kann. Man nennt sie auch Narzissten.
Das wird auch verurteilt.

Ja was denn nun?

Ich weiß es aus eigener Erfahrung ganz gut, der Alltag ist hart für uns arbeitende Elterngeneration. Aber ich denke, ich spreche da für fast alle von uns: wir geben uns auch immer Mühe für unsere Kinder da zu sein. Und das nicht nur an Weihnachten!

Das soll nicht heißen, dass wir sie ständig bespaßen und mit ihnen spielen, sondern dass wir ihnen ein gutes Gefühl von Geborgenheit geben. Soll bedeuten:

„Bei mir kannst Du so sein wie Du bist. Mit allen Ecken und Kanten.“
„Ich gebe Dir Deine Freiräume, die Du brauchst, um Dich zu entfalten.“
„Ich kann Dich nicht vor allem bewahren, aber ich bin immer (!) für Dich da.“
„Mit mir kannst Du über alles (!) reden.“
„Ich liebe Dich mehr als mich selbst.“

Nur dieses Gefühl gibt unseren Kindern die Wurzeln, die sie brauchen. Denn die geben ihnen die Erdung für das, was sie zu einem selbständigen Leben entwickeln müssen: Flügel. (Das hat sogar Goethe schon gewusst!)

Kinder müssen sich entfalten dürfen. Und zwar nach ihrer Facon und nicht in die Vorstellungen der Eltern gepresst. Kinder dürfen gar nicht erst auf den Gedanken kommen – und jetzt komme ich wieder zum EDEKA-Spot zurück –, dass ihre Eltern keine Zeit zur Bespaßung haben. Weil die Kinder die Eltern dafür gar nicht brauchen oder dabei haben wollen.

Eins liegt ja auf der Hand: Wenn wir das „Muss“ im Alltag nicht bewältigen würden, würde gar nichts funktionieren. Unsere Kinder wären verwahrlost, ausgehungert und wahrscheinlich würde das Jugendamt irgendwann vor der Tür stehen.

Außerdem kann man ja auch die Kinder sehr gut in das, was man tun „muss“, integrieren. Meine Kinder kochen zum Beispiel sehr gerne – mittlerweile auch alleine. Und das mit 9 und 7 Jahren. Mein Großer kann ein astreines Kaminfeuer selbständig anzünden. Meine Kinder gehen gerne Einkaufen, weil sie dann mitentscheiden können, was im Wagen landet. Meine Kleine hilft gerne beim Wäsche machen.
Wo ist also das Problem?

Für mich ist dieser Insight (Fachsprache für „Verbraucherbedürfnis“ bzw. hier eher „gesellschaftlich relevantes Problem“) einfach nur zu einseitig gedacht und zu kurz gegriffen.
Schlichtweg ein Klischee!

Es ist ja so eine neue Mode, dass diese „Weihnachtsspots“ gesellschaftliche Themen aufgreifen. Aber warum muss es denn bitteschön jedes Jahr ein neues Thema sein.
Ist das vom letzten Jahr denn dieses Jahr plötzlich nicht mehr von Bedeutung?
Ich würde zum Beispiel gerne wissen, wie es dem einsamen Opa (#Heimkommen, EDEKA-Spot 2015) in der Zwischenzeit so ergangen ist. Haben sich seine Kinder mehr um ihn gekümmert? Waren sie dieses Jahr öfter da? Oder auch wieder nur zu Weihnachten?

Und was hat das alles mit dem Laden zu tun? Warum muss mir mein Supermarkt unterstellen, wie es um die Beziehung zu meinen Kindern steht?

Ich gebe zu: Ich bin EDEKA-Kunde und ich gehe gerne dorthin. Weil ich dort den Marktleiter treffe, der höchstpersönlich in der Frische-Abteilung steht und die gammeligen Äpfel aussortiert. Weil der Herr an der Fleisch-Theke mich fragt: „Na, heute wieder 500 g Rinderhack?“ Und weil ich mich immer bei der netten, älteren, blonden Kassiererin in die Schlange stelle, weil ich ihr gerne am Freitag ein schönes Wochenende wünschen möchte. Und das egal wie viele Kunden vor mir sind.

Als ich meiner Familie heute morgen entrüstet von dem EDEKA-Spot erzählte, sagte mein Ältester: „Aber Mama, ich verstehe das nicht. Du musst viel arbeiten und bist doch trotzdem immer für uns da. Also für mich bist Du die beste Mama der Welt.“

Hört, hört, liebe EDEKAner und werte Kollegen: Versucht bitte nicht, ein generalisiertes Bild von uns Eltern in die Welt zu setzen. Vielleicht befragt Ihr das nächste Mal erst ein paar Kinder. Die wissen nämlich am besten, wie sie sich zu Hause so fühlen.

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