Wenn nachts der Pavor kommt …

Manchmal haben wir – meist am späten Abend – einen völlig verschreckten, zittrigen und irgendwie irre guckenden 5jährigen im Bett sitzen. Er ist dann nicht wirklich wach, reagiert auch nicht auf uns. Er ruft auch nicht „Mama“, sondern knatscht eher so vor sich hin. Wenn man ihn anschaut, dann starrt der Schreck nur so aus seinen Augen. Und man bekommt einfach keinen Zugang zu ihm.

Diese Zustände hat er schon Zeit seines Lebens. Das kennen wir auch nur von ihm. Mir hat das immer Angst gemacht, weil ich nie wusste, was das ist oder wie wir unseren Sohn aus dieser Situation heraus holen können. Irgendwann habe ich dann aber in meinem Lieblings-Elternbuch „Baby-Jahre“ von Remo H.Largo (siehe auch „Ist das noch normal?“) gelesen, dass das bei Kindern ein ganz normales Vorkommen ist:

Es nennt sich „Pavor nocturnus“. Laut Largo handelt es sich dabei um „ein ganz normales Schlafphänomen. Dem Angsterschrecken liegt ein partielles Aufwachen aus dem tiefsten Non-REM-Schlafstadium zugrunde. Das heißt, das Kind wacht aus dem Tiefschlaf unvollständig auf, was sich in einer Art Verwirrtheitszustand äußert.“ (Kapitel Schlafverhalten, 25-48 Monate) Unser Kind ist also gar nicht richtig wach. Deswegen reagiert es auch nicht auf uns.

Woher dieser Zustand kommt, weiß keiner so genau. Largo sagt dazu: „Nach einem ereignisvollen Tag, zum Beispiel nach einem Familientreffen oder dem Besuch eines Rummelplatzes, neigen gewisse Kinder in der darauffolgenden Nacht zu einem Pavor nocturnus. Auslöser kann einerseits sein, dass die Kinder später zu Bett gehen und übermüdet sind. Dazu beitragen mag auch, dass die Kinder ungewöhnlich vielen Eindrücken ausgesetzt waren, deren Verarbeitung ihnen Mühe bereitet. Der Pavor nocturnus gehört zum normalen kindlichen Schlafverhalten, er ist keine Verhaltensauffälligkeit!“ Diesen Zusammenhang können wir eher nicht feststellen. Aber wir wissen ja auch nicht immer, wie gut oder schlecht unser Mittlerer seine alltäglichen Eindrücke verarbeiten kann.

Nachtgespenst

Was tue ich also, wenn unser Kind mal wieder einen „Pavor nocturnus“ hat?
Ich rede ruhig mit ihm: „Schhhhhhh, ich bin ja da. Mama ist bei Dir.“ Dann nehme ich ihn meistens auf meinen Schoß, lege ihn in meinen Arm, halte ihn fest, wärme ihn und mache leise „schhhhhh“. Meistens hört er dann relativ schnell auf zu zittern. Und die Augen gehen auch wieder zu. Ab und an kommt dann nochmal so eine Art „Einschlafzucken“. Und dann ist die Sache nach spätestens zehn Minuten wieder vorbei. Ich lege ihn wieder in sein Bett. Er schläft ruhig weiter. Und kann sich am nächsten morgen an nichts erinnern.

Fakt ist: Je älter unser Sohn wird, desto seltener kommt bei ihm der Pavor nocturnus. Aber leider wird er immer intensiver. Das Zittern hatte er zum Beispiel früher nicht. Das kam erst im letzten Jahr hinzu.

Mittlerweile gehen mein Mann und ich relativ gelassen damit um. Früher waren wir nach einem solchen „Anfall“ immer völlig erschöpft und sorgenvoll. Heute kommt einer von uns aus dem Zimmer und der andere fragt: „Was war denn?“ „Ach, war nur ein Pavor.“ So kann man sich auch an sehr ungewöhnliche Dinge gewöhnen.

Quelle: Largo, R.H. (2007), Baby Jahre – Entwicklung und Erziehung in den ersten vier Jahren, Piper Verlag GmbH, München

#strategieneinermutter

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4 Gedanken zu “Wenn nachts der Pavor kommt …

  1. Hallo Mascha,

    den Pavor und den damit einhergehenden Schreck kenne ich auch zu gut. Eingedeutscht nennt man ihn auch den „Nachtschreck“ – trägt seinen Namen sicherlich in Verbindung mit uns Eltern, denn der Schreck, der er uns einjagt, ist nicht unerheblich.
    Mir hat es auch sehr geholfen zu wissen, was das ist. Und auch der Hinweis, dass man sein Kind aus diesem Zustand nicht wecken kann und darf, war hilfreich. Ebenso die Abgrenzung von einem normalen Albtraum.
    Meine Tochter hat neben Angst und absoluter Orientierungslosigkeit zusätzlich wirre, unverständliche Worte von sich gegeben. Dafür hat sie nicht gezittert, war aber pitschnass geschwitzt.
    Meine Tochter ist jetzt acht Jahre alt und der Pavor hat sich nach ihrem 5. Geburtstag allmählich verabschiedet. Ich glaube aber, dass sie eine gewisse Veranlagung in sich trägt, in diesen Ebenen zu reagieren (wie drückt man das bloß vernünftig aus?). Vor einem halben Jahr hat sie unter Fieber 40+ angefangen zu halluzinieren. War auch unheimlich.
    Die kleine Schwester hingegen hatte ihren ersten und bislang einzigen dafür mit 5 Jahren. Ich hoffe, es bleibt bei dem einen Mal.
    Ich drücke Euch die Daumen, dass es bald ein Ende hat – auch wenn Ihr eine schöne und entspannte Haltung dazu eingenommen habt. Aber für das Kind bedeutet es bestimmt ordentlichen Stress – hat zumindest nicht viel mit einem geruhsamen Schlaf zu tun.
    Liebe Grüße,
    lara

    • Ist ja interessant: das mit dem fiebrigen Halluzinieren kenne ich von ihm auch: „Mama, warum ist die Welt grün?“ Da habe ich gleich die nächste Ibuprofen-Dosis aufgezogen … Einen Zusammenhang hatte ich da allerdings noch nicht gesehen.

  2. Unser ältester ist jetzt 2 1/2 und langsam werden die Nachtschrecken weniger. Am Anfang waren wir total gestresst und verzweifelt, wenn er wieder in seinem Bettchen stand, wie am Spieß gebrüllt und uns nicht registriert hat. Ich hab sogar überlegt keine Einladungen mehr anzunehmen, da der Nachtschreck in der Regel Nach solch aufregenden Tagen kam. Heute nehme ich ihn dann ganz fest in den Arm und lese ihm ohne mich beirren zu lassen ein Buch über Autos vor. Irgendwann wacht er dann auf und beruhigt sich. Dann liest er kurz noch ein wenig mit, bevor es dann entweder in sein oder in unser Bett geht.

  3. Hallo, ich kenne den Nachtschreck bislang auch nur von meiner Ältesten. Bei ihr begann es allerdings erst im Vorschulalter. Ich habe den Eindruck, es wird jetzt allmählich weniger, kann aber auch bestätigen, dass es nach besonders ereignisreichen Tagen mit vielen neuen Eindrücken öfter auftritt. Im Urlaub hatte sie es zB beinahe jede Nacht, zu Hause hingegen nur alle paar Wochen einmal. Der Mittlere ist jetzt 4 und hatte das noch nicht. wenn die Maus nachts weint und wirre Dinge erzählt, nehmen wir sie auf den Arm, gehen mit ihr an die frische Luft auf den Balkon oder ans Fenster und erzählen ihr ruhig etwas ganz, ganz langweiliges. Manchmal hilft es auch, wenn der Papa einfach bei ihr ist. Meistens wird sie nach einer Weile wach und beruhigt sich dann auch schnell.
    Lieben Gruß

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