Gescheitert: Die Schnuller-Fee

Mein Mann und ich waren uns sehr schnell darüber einig, dass unsere Kinder nicht länger als zwei Jahre einen Schnuller haben sollten.

Bei unserem Erstgeborenen kam aber schon die erste Ausnahme: als er zwei Jahre alt war, stand erst der kleine Bruder und dann auch noch ein Umzug ins Haus. Da wollten wir ihm nicht auch noch Nächte ohne seinen Schnuller zumuten. Also haben wir damit gewartet bis er circa drei war.

Wie gewöhnt man aber seinem Kind möglichst ohne großen Herzschmerz den Schnuller ab?

Da liegt es nahe auf Bewährtes zurückzugreifen: Die Schnuller-Fee, der das Kind eines Abends – natürlich nach langer Vorankündigung – alle verfügbaren Schnuller ans Bett legt. Und sie kommt dann heimlich des Nachts, nimmt die Schnuller mit und lässt als Gegenleistung ein Geschenk da.

So oder so ähnlich geht die Geschichte, die wir auch unserem Sohn erzählt haben. Seine Reaktion kam für uns aber völlig unerwartet. Er weinte jämmerlich. Jedoch nicht, weil die Schnuller dann weg wären. Sondern er erzählte uns, dass er Angst davor habe, nachts eine kleine Gestalt in seinem Zimmer zu wissen. Das gruselte ihn.

Die Geschichte konnten wir also nicht weiterverfolgen. Um die Sache für unseren damals Kleinen zu Ende zu bringen, habe ich der Schnullerfee einen „Brief“ geschrieben. Ich erklärte ihr, dass unser Sohn nicht möchte, dass sie zu ihm kommt und dass er es alleine schafft, den Schnuller loszuwerden. Damit war er beruhigt.

Wir haben erst einmal Gras über die Sache wachsen lassen. Und nach ein paar Wochen erledigte sich das Thema wie von selbst: Unser Sohn war stark verschnupft, verweigerte aber die Nasentropfen. Also konnte er einfach nicht Schnullern und schlief ohne. Nach zwei Nächten ohne Schnuller sagten wir: „Schau mal: Du brauchst ja gar keinen Schnuller zum Schlafen. Wenn Du es jetzt noch zwei weitere Nächte schaffst, können wir die Schnuller am Wochenende zum Schnullerbaum (des örtlichen Krankenhauses) bringen. Und dann darfst Du Dir ein Spielzeug aussuchen.“
Und so ist es auch gekommen. Damit er seine Schnuller immer besuchen gehen konnte, haben wir sie – zur besseren Wiedererkennung – mit seinem Spitznamen versehen, in seine Box gepackt (siehe Die Schnuller-Regel mit -box), und zum bereits vollgehängten Baum gebracht.

IMG_0745.JPG Danach sind wir sofort in den Spielzeugladen gegangen und er hat sich einen Bagger ausgesucht. Nach seinen Schnullern hat er nie wieder gefragt.

Beim zweiten Kind haben wir die Schnuller-Fee gar nicht mehr ins Spiel gebracht. Und weil es den Schnullerbaum auch nicht mehr gab, lief das Ganze – ehrlich gesagt – noch unemotionaler ab: Als der Kleine anfing, seine Schnuller zu zerkauen, sagte ich: „Du hast jetzt noch vier Schnuller. Ich kaufe ab jetzt keine Neuen mehr. Und wenn diese verbraucht sind, bist Du groß genug, dass Du ohne schlafen kannst.“ Und auch hier ging es unerwartet leicht. Irgendwann war nur noch einer übrig. Da überließ ich unserem Sohn die Entscheidung: diesen letzten Schnuller für zu Hause oder für den Kindergarten. Seine Wahl fiel auf zu Hause. Das heißt, in der Krippe schlief er mittags dann schon ohne. Diesen letzten zerkauten Schnuller hat unser Mittlerer einige Wochen später höchstpersönlich in den Müll gepfeffert. Auch er hat sich ein kleines Spielzeug dafür ausgesucht. Und damit war der Schnuller Geschichte. Und er hat nie wieder danach gefragt.

In circa einem halben Jahr steht das Thema Schnuller-Entwöhnung bei unserer Kleinen an. Da werden wir wahrscheinlich die Schnuller-Fee auch nicht mehr hinter dem Ofenrohr hervorlocken. Obwohl: sie ist ein Mädchen. Und die stehen auf Feen, oder?

#strategieneinermutter

Meine Ichs im Zwiespalt

Seitdem ich Kinder habe, bestehe ich aus zwei Ichs: einem Mutter-Ich und einem Ego-Ich. Mein Mutter-Ich beschäftigt sich mit der Fürsorge für meine Kinder, mein Ego-Ich kümmert sich um meine persönlichen Bedürfnisse. In der Regel vertragen sich die beiden ganz gut.

Doch seit dieser Woche liegen die beiden im Clinch. Die Ursache:
Meine Elternzeit neigt sich dem Ende. Der Countdown läuft. Und ich habe noch drei Wochen übrig, um unsere Kleinste in die Hände von erfahrenen Erziehern zu legen. Das heißt konkret: In dieser Woche hat die Krippen-Eingewöhnung begonnen.

Zwar ist es nicht mein erstes Kind ist, das ich fremd betreuen lasse – beide älteren Jungs sind mit jeweils einem Jahr (der Zweite sogar bereits mit 11 Monaten) in die Krippe gekommen. Ich müsste also ein alter routinierter Hase sein. Dieses Mal ist aber alles anders.

Damals, als mein Mutter-Ich noch jung und unerfahren war, hatte mein Ego-Ich die Oberhand. Es meldete sich recht bald nach der Geburt: Du arbeitest ja so gerne, mal sehen, wie lange Du es zu Hause aushältst?!
Und bereits nach einem halben Jahr in Elternzeit beschloss mein Ego-Ich: Wenn der Kleine ein Jahr alt ist, gehst Du wieder arbeiten. Der langweilt sich ja mit Dir zu Hause. Er braucht gleichaltrige Kinder zum Spielen. Und Du brauchst Gleichgesinnte um Dich herum. Also ist das doch eine Win-Win-Situation für Euch beide.
Sanft fragte mein Mutter-Ich: Ist er nicht vielleicht noch ein bisschen klein? Aber das Ego-Ich konterte sofort: Du bist eine „moderne“ Frau, Ihr seid eine „moderne“ Familie. Wir leben in modernen Zeiten. Da gehen die Mütter auch arbeiten. Und gerade Du arbeitest so gerne. Wenn Du länger dem Job fernbleibst, wirst Du nicht nur kribbelig und schlecht gelaunt, Du verlierst vielleicht auch den Anschluss.
Und so geschah es.

Beim zweiten Kind war es ähnlich, dieses Mal ging es nur noch schneller. Das Ego-Ich stellte fest: Was mit dem Großen gut geklappt hat, funktioniert mit dem Zweiten auch. Mein Mutter-Ich hat noch nicht einmal versucht dagegen zu argumentieren. Es war gut so. Und es funktionierte auch gut. Den Kindern ging es gut, sie machten große Entwicklungssprünge – obwohl ich nicht sagen kann, ob das der Kita zuzuschreiben ist oder einfach nur der Lauf der Natur. Also alles gut.

In den letzten eineinhalb Jahren zu Hause, mit den drei Kindern und ohne Arbeit hat sich verständlicherweise mein Mutter-Ich klammheimlich nach vorne manövriert. Zunächst hat es durchgesetzt, dass ich meine einjährige Elternzeit auf zwei Jahre verlängere. Es war der Meinung, dass die Kleine einfach noch nicht reif genug sei für eine Krippe. Doch dann rief mein Arbeitgeber kurz danach bei mir an und bat mich, doch früher wiederzukommen. Das hat mein Ego-Ich wieder auf den Plan gerufen: Wow, welche Anerkennung. Sie wollen DICH zurück. Nicht jemand anderes: DICH! Sag es: Ja, ich will. Und ich sagte mit Freuden: Ja, ich will.

Doch das lässt das Mutter-Ich nicht auf sich sitzen und serviert mir nun in meiner Lieblings-Kita – für die ich sogar in Kauf nehme, morgens und nachmittags zwei Stadtteile weit zu fahren (kleine Gruppen, toller Personalschlüssel, liebevolle und schmusige Atmosphäre) – Folgendes: Oh je, sind die Kinder hier alle klein. Das eine Kind kann ja noch nicht einmal laufen. Ach je, jetzt ist ihm ein größeres Kind auf die Hand getreten.
Mein Ego-Ich hat eine andere Beobachtung: Guck‘ mal, wie toll Deine Kleine es hier findet. Die ist richtig fröhlich und gut drauf. Das wird eine schnelle und unkomplizierte Eingewöhnung. Sie wird es hier richtig gut haben.
Ich beobachte weiter: Da drüben liegt eine Zweijährige auf dem Boden. Sie klagt über Bauchschmerzen. Der Erzieher hebt sie sich sanft auf den Schoß, die Eltern werden informiert. Sie können erst in zwei Stunden kommen und das kranke Kind abholen. Sie schläft vor Erschöpfung in seinem Arm ein. Die Arme. Gleichzeitig steht ein etwa achtzehn Monate altes Mädchen in der Zimmerecke und weint nach ihrer Mama. Die Erzieherin tröstet sie liebevoll.

Mein Mutter-Ich meldet sich: Merkst Du nicht, was hier los ist? Von wegen Gleichaltrige zum gemeinsamen Spielen. Die Kinder spielen hier nicht miteinander. Sie spielen für sich, nur am selben Ort. Ich sage es Dir: Diese Kinder gehören nicht an diesen Ort, so schön und nett er auch sein mag. Diese Kinder gehören nach Hause, zu ihren Eltern. Deine Kleine inklusive.
Mein Ego-Ich geht dagegen: Wo bitteschön sollen die Kinder hin, wenn nicht hier? Guck‘ doch mal, wie lieb hier alle zu den Kindern sind. Es ist so familiär. Wenn die Kleine hier ist, kannst Du guten Gewissens arbeiten gehen.
Das Mutter-Ich: Wieso musst Du überhaupt arbeiten gehen? Wofür setzt Du Kinder in die Welt? Dann musst Du Dich auch um sie kümmern.
Ego-Ich: Aber Du sagst es doch selbst: Du kannst keine gute Mutter sein, wenn Du nicht den Ausgleich über den Job hast. Dafür macht Dir die Arbeit einfach zu großen Spaß. Dieses ewige Haushalt machen und Essen zubereiten geht Dir langsam auf den Keks. Das spürst Du doch auch. Du definierst Dich eben nicht nur über Deine Familie, sondern auch über Deine Arbeit. Das ist legitim.

Abends, die Kinder schlafen endlich, sitze ich auf dem Sofa. Mein Mutter-Ich hat mich den ganzen Tag nicht in Ruhe gelassen. Jetzt schweigt es zwar, sitzt aber in meiner Magengegend und sorgt dort für ordentliches Grummeln. Mein Ego-Ich redet Tacheles: Es ist alles eingetütet. Du bist loyal. Du brauchst Deinen Job, um zufrieden zu sein. Jetzt stell‘ mal Deine Angst ab. Du schenkst Deinen Kindern so viel Liebe und Aufmerksamkeit. Jetzt bist Du mal wieder an der Reihe. Euch bleibt doch auch noch genug Zeit zusammen. Ihr seid ja nur halbe Tage voneinander getrennt. Übrigens ist das Finanzielle ja auch nicht unerheblich.

Am nächsten Tag nach der Eingewöhnungsrunde – die Kleine war wieder super drauf – sagt mein Ego-Ich zu unserem mittleren Sohn: „Also Deine Schwester hat so einen Spaß in der Krippe, sie wird es da richtig toll haben.“ Er antwortet prompt: „Ist ja auch kein Wunder. Sie kennt das alles ja auch noch gar nicht.“ Das angekratzte Mutter-Ich versteht den Satz als Ohrfeige des eigenen Sohnes: Oh je, was für ein richtiger Satz. Jetzt ist noch alles neu, aber bald wird alles Routine sein. Und das für Jahre. Schließlich ist er schon seit vier Jahren nahezu täglich bis zu sieben Stunden fremdbetreut. Er war schon mit so jungen Jahren in der Kita, dass der Laden für ihn mit drei Jahren schon so Routine war, dass er sich als eigentliches „Kindergartenkind“ gar nicht mehr darauf freuen konnte. Und dann dreht sich das Gedankenkarussell weiter: Und der Große? Der geht in eine Grundschule, wo mehr als zwei Drittel der Kinder bis 16 Uhr und länger – also die längste Zeit des Tages – verbringen. Bei Dir war es damals umgekehrt: 90% der Kinder ging mittags nach Hause. Zu Mama oder Papa oder beiden. Du eingeschlossen. Das Ego-Ich versteht den Satz anders: Er will Dir sagen: Kita ist so toll, da ist alles aufregend. Wir machen da tolle Sachen und haben viel Spaß mit unseren Freunden. Ich meckere zwar manchmal morgens, aber wenn Papa mich erstmal in der Kita abgeliefert hat, freue ich mich drauf. Und zum Großen hat es auch etwas zu sagen: Du siehst doch, wie gut es ihm in der Schule gefällt. Er blüht richtig auf. Und oft, wenn Du ihn abholst, äußert er sich enttäuscht, dass er gerne noch ein wenig mit seinen Klassenkameraden gespielt hätte.

Was nun? Was tun?

Wie gehe ich mit diesem Zwiespalt um? Einerseits brauche ich die Arbeit für mich selbst. Andererseits merke ich, wie gut es den Kindern tut, wenn ein Elternteil zu Hause ist. Es ist ein ständiges hin und her. Und ich kann den Zwiespalt momentan nicht lösen. Vielleicht wird er sich auch niemals lösen. Vielleicht gehört das einfach zum Mensch- und Muttersein dazu.
Ich mache also weiter, wie geplant. Denn die Welt da draußen ist nicht so gestrickt, dass ich meine beiden Ichs zufriedenstellen könnte.

Und damit werde ich zum ersten Mal in diesem Blog politisch. Ich bin davon überzeugt: Wir brauchen nicht noch mehr Betreuungsplätze in diesem Land. Wir brauchen auch nicht längere Öffnungszeiten für Kitas.
Was wir wirklich dringend brauchen, sind neue Arbeits-/Zeit-Modelle. Modelle, die es beiden Elternteilen ermöglichen, einer vollen und/oder reduzierten Erwerbstätigkeit nachzugehen und sich dennoch adäquat um die eigenen Kinder kümmern zu können.

Einen kleinen Schritt in diese Richtung habe ich in meiner Agentur bereits durchgesetzt: Einen Tag Homeoffice pro Woche. Das heißt für meine Kinder: einen Tag früher zu Hause pro Woche. Das ist zwar nur ein Anfang, aber ich werde weiter dran arbeiten. Und so lange es noch nicht so ist, bin ich froh, dass ich meine Kinder in guten Händen aufgehoben weiß.

#strategieneinermutter