„Ihr Großen habt keine Tränen mehr!“

Seit einigen Tagen schon, geht mir etwas nicht aus dem Kopf. Dazu folgender Hintergrund: Neulich las ich in dem Blog von Rike Drust „Muttergefühle. Gesamtausgabe“ von einer verzweifelten Mutter, die von ihrer 3jährigen Tochter gehauen, gebissen und an den Haaren gezogen wird. Gerne wohl auch in aller Öffentlichkeit. Die Mutter schilderte ihre Ratlosigkeit und dass sie den Tränen nah sei, wenn ihre Tochter das tue. Sie bat das Plenum um helfende Ratschläge.

Zwei Dinge fielen mir unter den Kommentaren auf:
1. Die meisten Tipps liefen darauf hinaus, die Machtstellung der Eltern klar zu machen: ins Zimmer sperren, das Kind ignorieren bzw. stehen lassen, ja sogar zurückhauen, -kratzen, -beißen, -an den Haaren ziehen.

2. Nur Wenige rieten der Mutter, sich auf Augenhöhe mit dem Kind zu begeben und es nach der Ursache für sein Handeln zu fragen bzw. ihm aus der Wut und dem Machtkampf herauszuhelfen.

Die Tipps der zweiten Kategorie befürworte ich. Dennoch frage ich mich, ob es nicht manchmal auch hilfreich sein kann, das Verhalten des Kindes zu ändern, indem man ihm zeigt, wie enttäuscht und traurig man von seinem Verhalten ist.

Als Fundierung dieser These zwei Geschichten, die ich am eigenen Leib erfahren habe:

Die Erste: Als ich vierzehn Jahre alt war und meine Pubertät mich zu einer frechen, zickigen Lügnerin machte, gaukelte ich – nach vielen anderen unerlaubten Vergehen – meinen Eltern vor, ich würde bei einer Freundin übernachten. Das tat ich auch. Das kleine Detail mit der Party im Nachbarort, die wir besuchen würden, habe ich natürlich ausgelassen. Aber irgendwie kommt ja immer alles raus. Mitten auf der Party klingelt es plötzlich und mein Vater steht vor der Tür. Er sagt nichts, schaut mir nur in die Augen. Ich gehe mit. Im Auto sagt er kein Wort. Zu Hause sagt er kein Wort. Er bringt mich ins Wohnzimmer, wo meine Mutter bereits am Esstisch wartet und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Er sagt immernoch kein Wort. Er setzt sich selbst an einen Platz und schaut mich an. Sagt nichts, schaut nur. Und dann sehe ich plötzlich, wie Tränen über seine Wangen laufen. Mein Vater weinte vor meinen Augen. Und da war mir sofort klar – ohne Worte, ohne Machtdemonstration, ohne Wegsperren, ohne Gewalt – ich bin zu weit gegangen. Und meine Eltern waren so enttäuscht von mir, sie waren einfach nur noch ratlos. Ungelogen: Seit diesem Moment habe ich keinen pubertären Mist mehr gemacht. Und als ich ihr Vertrauen wieder gewonnen hatte (ich gebe zu, das hat seine Zeit gedauert), durfte ich auch auf die Parties meiner Freunde gehen.

Die Zweite: Als unser Ältester circa vier Jahre alt war – sein Bruder also zwei – hat er mich mal schier zur Weißglut getrieben. Dabei ging es um so etwas Banales wie Schlafanzug anziehen. Er hat einfach nicht gehört, ist durchs Zimmer getobt, ist auf mich drauf gesprungen … er war einfach superätzend drauf. In dem Moment hätte ich echt ausflippen können. Aber – und das habe ich, glaube ich, schon einmal geschrieben – Druck erzeugt bei meinen Kindern ganz oft Gegendruck. Soll heißen: sie werden noch schlimmer. Da kommt man mit Machtgehabe nicht weiter. Außerdem war ich an diesem Tag so müde, ich konnte einfach nicht mehr. Also bin ich mitten im Zimmer – ohne jeden strategischen Hintergedanken – kraftlos auf die Knie gefallen. Und habe gesagt: „Ich kann nicht mehr. Wenn Du so weiter machst, macht mich das so traurig, dass ich weinen muss.“ Und da antwortet mein vierjähriger Sohn verwundert: „Aber Mama, Du kannst doch gar nicht weinen. Ihr Großen habt doch gar keine Tränen mehr!“ Und da fiel mir auf, dass meine Kinder wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben einen weinenden Erwachsenen gesehen haben. Das ging mir so nah, dass es das Fass zum überlaufen brachte. Also saß ich weinend und niedergesunken im Zimmer meines Sohnes und was passierte? Mein Sohn wurde plötzlich ruhig, kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und streichelte meine Wange. Er sagte nichts, sondern tröstete mich einfach. Das Schlafanzuganziehen und ins Bett bringen, ging danach wie von selbst. Ohne, dass wir noch einmal über sein Verhalten reden mussten.

Was ich damit sagen will: Ich glaube schon daran, dass man Kindern Regeln und Grenzen setzen muss. Und das konsequent. Aber bitte nicht über den Machthebel. Eltern müssen nicht immer die Stärkeren sein, die Gewinner über diese kleinen Wesen. Denn damit wird das elterliche Verhalten für das Kind nur salonfähig gemacht. Dazu fällt mir dieser Spruch ein: „Was Du willst, das man Dir tu, das füge keinem anderen zu.“ Wem dieser Wert wichtig ist, sollte ihn seinen Kindern auch vorleben.

Um den Kreis wieder zu schließen: Vielleicht hätte es der ratsuchenden Mutter geholfen, wenn sie den Mut gehabt hätte, in der Öffentlichkeit und – vor den Augen der gewalttätigen Tochter – die Tränen laufen zu lassen, die ja sowieso schon da waren. Nicht, um Schwäche zu zeigen oder Überforderung, sondern ihrer Trauer und Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Einen Versuch wäre es jedenfalls wert.

#strategieneinermutter

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7 Gedanken zu “„Ihr Großen habt keine Tränen mehr!“

  1. Ich war auch eine der Kommentatorinnen bei dem Beitrag und eine Befürworterin des ins Zimmer steckens. Das mal vorweg…in erster Linie ist es auch meine Meinung, dass es richtig ist. Die Mutter hat ja keinen „normalen“ Supermarkt quengel ausraster beschrieben sondern ihre Tochter eskaliert ja völlig. Das das „Warum“ hinterfragt wird und sie mit ihr auch darüber redet, setzte ich erstmal voraus und da gehört natürlich auch dazu ehrlich die eigenen Gefühle klar zu machen und zu zeigen „das macht mich traurig“ nun ist aber eine dreijährige nicht vierzehn Jahre alt.
    Mir ging es in erster Linie darum, das die Kommentare vor mir alle geraten Haben sie müsste ihre Tochter nur mal fest in den Arm zu nehmen und da dachte ich:“super wenn sie das liest, dann denkt sie doch auf jeden fall das sie zu gemein reagiert, zu wenig Verständnis hat usw.“ Das ist finde ich einfach falsch, vor allem viel zu einseitig bei einem so komplexen Problem.
    Das dort erwähnte Kind meiner Bekannten hat auch andere Kinder geschlagen und zwar nicht zu knapp. Sollte dann auch die Mutter weinen und es in den Arm nehmen?

    • Liebe Fleur! Zunächst einmal möchte ich mich dafür entschuldigen, dass Du Dich angegriffen fühlst. Das wollte ich mit meinem Artikel nicht erreichen. Deine Ausführungen kann ich nachvollziehen. Nichtsdestotrotz vertrete ich die Meinung, dass ein knapp dreijähriges Kind es auch nicht verstehen kann, dass es fürs Hauen weggesperrt wird. Ich gebe zu, ich habe das auch schon probiert. Geholfen hat es allerdings nicht. Wieso kann man seinem Kind nicht sagen: „Das tut mir weh!“ Oder „Bei uns wird nicht gehauen, gekratzt oder gebissen.“ Oder: „Das macht mich traurig.“ Meine Schwester sagt zu ihren Kindern auch, dass sie sich für ihr Verhalten schämt. Und zeigt ihnen damit, dass ihr Verhalten nicht ihrer Wertewelt entspricht. Am Ende muss jeder seinen Weg finden. Ich wollte lediglich auf einen weitere Möglichkeit aufmerksam machen, die – wie beschrieben – auch bei Kleinkindern zumindest für den Moment wirken kann.

      • Liebe Mascha, angegriffen habe ich mich gar nicht gefühlt und ich finde auch Deine Meinung verständlich und gut. Das eine schließt das andere ja nicht aus!
        Ich lese Dein Blog sehr gerne und finde hier immer wieder die eine oder andere Idee, die ich bestimmt auch mal umsetzte – das macht es ja aus.
        Schöne Pfingsten!

  2. Deine Geschichte mit deinem Sohn hat mich gerade zu Tränen gerührt, was für ein Satz „Ihr habt ja keine Tränen mehr!“ Mensch, diese Kinder.

    Ich mag, wie du ohne erhobenen Zeigefinder dieses Thema angehen kannst, das tut gut beim Lesen. Ich kenne die Situation der von dir beschriebenen Mutter allzu gut, meine Große (damals 4) schlug und biss mich auch. Vielleicht rührt es mich auch deshalb so sehr.

    Viele Grüße, Tina

  3. Danke für diese schönen Gedanken. Mein Sohn hat diese Phase auch durchgemacht und zwar nicht zu knapp. Es war eine Mischung aus klarer Kommunikation, dass solches Verhalten nicht akzeptabel ist. Was hat ihm herausgeholfen? Einerseits die klare Ansage, dass sein Verhalten nicht akzeptabel ist. Ohne Wenn und Aber. Dann die klare Ansage, dass ich mich von niemandem hauen oder kratzen lasse – auch von ihm nicht (für mich ein ganz wichtiger Punkt: ich bin sein Vorbild, er soll lernen, dass Menschen ihre Integrität verteidigen dürfen/sollen). Dabei habe ich ihn von mir weggehalten, oder wenn nötig kurz seine Hände festgehalten, einfach um ihn daran zu hindern, mir weh zu tun. Und dann die langen Gespräche, um herauszufinden woher die Frustration stammt, die ihn jeweils zum „Ausklinken“ brachte. Bei ihm war es die Tatsache, dass er erst sehr spät sprechen lernte und sich lange nicht gut ausdrücken konnte. Oft fühlte er sich so unverstanden, dass er ausrastete. Mit steigender Eloquenz hat sich das Problem dann schliesslich erledigt.

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