Das Wunschbuch

Bevor ich Mutter wurde, gehörte ich zu den Menschen, auf die man sich verlassen konnte: stets pünktlich, gut organisiert, jeden Geburtstag auf dem Zettel, fast keinen Gefallen ausschlagend … Kurz: total tolle Hirnleistung.

Seitdem ich aber meine drei Kinder ausgetragen habe, ist dieses spezielle „Ich-kann-mir-alles-Alltägliche-merken“-Hirnareal anscheinend auf ein Minimum geschrumpft: Was wollte ich eben nochmal holen? Ach Mist, der Geburtstag vom Schwiegervater war ja bereits vorgestern! Au weia, wir müssen dringend los, ich habe aber bisher nur die Hälfte eingepackt! Ach, hatte ich wirklich versprochen, Dir heute mein Bolero-Jäckchen für Deine Firmenfeier morgen auszuleihen? Sorry, das habe ich vergessen.

Es ist schrecklich, dieses ständige Vergessen. Und da unsere Jüngste nun auch schon über ein Jahr alt ist, kann ich es auch nicht mehr auf die Stilldemenz schieben. Sogar das Familien- inklusive Geburtstagskalender führen, hilft nicht wirklich.

In der Hoffnung, dass ich meinen alten Zustand irgendwann wiedererlange, bin ich neulich in einer Zeitschrift über eine tolle Idee gestolpert, wie man sich wenigstens die Wünsche seiner Lieben merken kann. Das ist ja auch immer so eine Sache. Kinder wünschen sich ja dauernd was, Ehemänner dagegen nur selten (meiner zumindest). Da ist es wichtig, die Masse bzw. die wenigen Dinge irgendwo zu vermerken. Damit sie im geeigneten Moment Ostern, Weihnachten, Geburtstag .. wieder präsent sind.

Die Idee heißt: Wunschbuch.
Man kauft einfach eine nett aussehende Kladde und eröffnet der Familie: „Ich habe eine Überraschung für Euch. Wir haben jetzt ein Wunschbuch. Da dürfen wir alle unsere Wünsche reinschreiben.“ Mein Mann: „Aha!“ Der Sechsjährige: „Wirklich jeden Wunsch?“ Ich: „Ja! Das heißt aber nicht, dass jeder Wunsch in Erfüllung geht. Nur, damit wir nichts vergessen.“ Der Vierjährige enttäuscht: „Und ich dachte, Du hast etwas Süßes für uns!“ Und die Einjährige: „Tsüss!“ (Einjährigen-Slang für „Tschüss“).

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Ehrlich gesagt, hatte ich mir die Reaktion meiner Familie etwas euphorischer vorgestellt. Aber jetzt gibt es das Buch. Und es liegt an einem Ort, wo jeder jederzeit dran kann: Auf der Ablage in der Küche.

Am ersten Tag der Existenz des Wunschbuches blieb es einfach liegen. Am Zweiten auch. Aber am dritten Tag konnte ich meinen Ältesten dabei beobachten, wie er heimlich an das Buch ging und etwas reinschrieb. Nachdem er das Buch wieder verschlossen und heimlich hingelegt hatte, war ich so neugierig, dass ich – ebenfalls heimlich – im Buch nachschaute.

Erwartet hatte ich so etwas wie: Lego Cars 2 Bohrinsel. Aber dort stand einfach nur in seiner süßen Krakelschrift: Urlaub.
Das unterschreibe ich sofort.

#strategieneinermutter

Ist das noch normal?

Ich habe weder während meiner drei Schwangerschaften, noch in den Zeiten danach, viele Ratgeber oder „Mutter-Kind“-Bücher gelesen. Eigentlich habe ich von Anfang an versucht, auf mein Bauchgefühl zu hören. Und ich glaube, bislang hat das ganz gut funktioniert. Viele Ratgeber machen einen ja auch mehr verrückt und fördern die Verunsicherung, als das sie wirklich förderlich für das gute Gefühl der Mutter wären.

Nichtsdestotrotz gab und gibt es oft Momente in der Entwicklung meiner Kinder, wo ich mich gefragt habe und auch immer noch frage: „Ist das noch normal?“

Beispielsweise: Warum schreit das Baby immer abends zur gleichen Zeit? Wann hört das Mundeln auf? Wie lassen sich diese unglaublich intensiven Wutausbrüche unseres 4jährigen erklären? Warum sind Mädchen schneller trocken als Jungs? Was füttere ich meinem Kind ab welchem Lebensmonat? Ab wann dürfen Milchzähne ausfallen? ….

Immer, wenn mich solch eine Frage quält, schaue ich in einem sehr guten Buch nach. Es heißt „Babyjahre“ und ist von Remo H. Largo – einem Kinderarzt aus der Schweiz – geschrieben (erschienen im Piper-Verlag).

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Das Schöne an diesem Buch:
Es beschreibt den normalen Entwicklungsverlauf eines Kindes von seiner Geburt an bis zum vierten Lebensjahr. Und zwar thematisch kategorisiert: Beziehungsverhalten, Schreiverhalten, Schlafverhalten, Spielverhalten, Essen und Trinken, Motorik, Sprachentwicklung, Wachstum und Trocken und sauber werden.
Und: Es ist kein Erziehungsratgeber, das mir vorgibt, wie ich mit meinem Kind umzugehen habe, sondern vielmehr ein Nachschlagewerk, das mir das Verhalten meines Kindes erklärt bzw. mir aufzeigt, in welcher Spanne die Entwicklung meiner Kinder normal verläuft – oder eben nicht. Ganz wert- und vorurteilsfrei.

Ich bin mittlerweile so ein Freund von diesem Buch geworden, dass ich es zum Standardgeschenk für erstgebärende Freundinnen und Familienmitglieder gemacht habe. Es schenken ja sowieso alle immer nur dem Kind was. Neben fünf Spieluhren freuen sich die Eltern dann vielleicht auch mal über ein Geschenk für sie selbst.

20140618-214709-78429110.jpgMit dem gleichen Hintergedanken verschenkte ich neulich an meine frisch entbundene Schwägerin mein Lieblingsfamilienerk. Sie freute sich sehr darüber und sagte: „Ich liebe dieses Buch, aber leider haben wir das schon geschenkt bekommen.“ Ich entsetzt: „Von wem?“ Sie: „Von deinem anderen Schwager und seiner Frau. Die fanden Euer Buch auch so hilfreich, dass sie es uns auch geschenkt haben.“ Mit denen muss ich wohl noch ein Hühnchen rupfen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Auch wenn ich mir jetzt für meine liebe Schwägerin und ihren Mann ein neues Geschenk überlegen muss, sie besitzt dieses Buch. Das ist die Hauptsache. Denn mein abschließendes Urteil: Der Wälzer gehört in jedes Bücherregal – zumindest in das von jungen Familien. Wenn ihr es nicht schon besitzt, schaut in der Buchhandlung doch mal rein.

#strategieneinermutter

„Ihr Großen habt keine Tränen mehr!“

Seit einigen Tagen schon, geht mir etwas nicht aus dem Kopf. Dazu folgender Hintergrund: Neulich las ich in dem Blog von Rike Drust „Muttergefühle. Gesamtausgabe“ von einer verzweifelten Mutter, die von ihrer 3jährigen Tochter gehauen, gebissen und an den Haaren gezogen wird. Gerne wohl auch in aller Öffentlichkeit. Die Mutter schilderte ihre Ratlosigkeit und dass sie den Tränen nah sei, wenn ihre Tochter das tue. Sie bat das Plenum um helfende Ratschläge.

Zwei Dinge fielen mir unter den Kommentaren auf:
1. Die meisten Tipps liefen darauf hinaus, die Machtstellung der Eltern klar zu machen: ins Zimmer sperren, das Kind ignorieren bzw. stehen lassen, ja sogar zurückhauen, -kratzen, -beißen, -an den Haaren ziehen.

2. Nur Wenige rieten der Mutter, sich auf Augenhöhe mit dem Kind zu begeben und es nach der Ursache für sein Handeln zu fragen bzw. ihm aus der Wut und dem Machtkampf herauszuhelfen.

Die Tipps der zweiten Kategorie befürworte ich. Dennoch frage ich mich, ob es nicht manchmal auch hilfreich sein kann, das Verhalten des Kindes zu ändern, indem man ihm zeigt, wie enttäuscht und traurig man von seinem Verhalten ist.

Als Fundierung dieser These zwei Geschichten, die ich am eigenen Leib erfahren habe:

Die Erste: Als ich vierzehn Jahre alt war und meine Pubertät mich zu einer frechen, zickigen Lügnerin machte, gaukelte ich – nach vielen anderen unerlaubten Vergehen – meinen Eltern vor, ich würde bei einer Freundin übernachten. Das tat ich auch. Das kleine Detail mit der Party im Nachbarort, die wir besuchen würden, habe ich natürlich ausgelassen. Aber irgendwie kommt ja immer alles raus. Mitten auf der Party klingelt es plötzlich und mein Vater steht vor der Tür. Er sagt nichts, schaut mir nur in die Augen. Ich gehe mit. Im Auto sagt er kein Wort. Zu Hause sagt er kein Wort. Er bringt mich ins Wohnzimmer, wo meine Mutter bereits am Esstisch wartet und bedeutet mir, Platz zu nehmen. Er sagt immernoch kein Wort. Er setzt sich selbst an einen Platz und schaut mich an. Sagt nichts, schaut nur. Und dann sehe ich plötzlich, wie Tränen über seine Wangen laufen. Mein Vater weinte vor meinen Augen. Und da war mir sofort klar – ohne Worte, ohne Machtdemonstration, ohne Wegsperren, ohne Gewalt – ich bin zu weit gegangen. Und meine Eltern waren so enttäuscht von mir, sie waren einfach nur noch ratlos. Ungelogen: Seit diesem Moment habe ich keinen pubertären Mist mehr gemacht. Und als ich ihr Vertrauen wieder gewonnen hatte (ich gebe zu, das hat seine Zeit gedauert), durfte ich auch auf die Parties meiner Freunde gehen.

Die Zweite: Als unser Ältester circa vier Jahre alt war – sein Bruder also zwei – hat er mich mal schier zur Weißglut getrieben. Dabei ging es um so etwas Banales wie Schlafanzug anziehen. Er hat einfach nicht gehört, ist durchs Zimmer getobt, ist auf mich drauf gesprungen … er war einfach superätzend drauf. In dem Moment hätte ich echt ausflippen können. Aber – und das habe ich, glaube ich, schon einmal geschrieben – Druck erzeugt bei meinen Kindern ganz oft Gegendruck. Soll heißen: sie werden noch schlimmer. Da kommt man mit Machtgehabe nicht weiter. Außerdem war ich an diesem Tag so müde, ich konnte einfach nicht mehr. Also bin ich mitten im Zimmer – ohne jeden strategischen Hintergedanken – kraftlos auf die Knie gefallen. Und habe gesagt: „Ich kann nicht mehr. Wenn Du so weiter machst, macht mich das so traurig, dass ich weinen muss.“ Und da antwortet mein vierjähriger Sohn verwundert: „Aber Mama, Du kannst doch gar nicht weinen. Ihr Großen habt doch gar keine Tränen mehr!“ Und da fiel mir auf, dass meine Kinder wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben einen weinenden Erwachsenen gesehen haben. Das ging mir so nah, dass es das Fass zum überlaufen brachte. Also saß ich weinend und niedergesunken im Zimmer meines Sohnes und was passierte? Mein Sohn wurde plötzlich ruhig, kam zu mir, setzte sich auf meinen Schoß und streichelte meine Wange. Er sagte nichts, sondern tröstete mich einfach. Das Schlafanzuganziehen und ins Bett bringen, ging danach wie von selbst. Ohne, dass wir noch einmal über sein Verhalten reden mussten.

Was ich damit sagen will: Ich glaube schon daran, dass man Kindern Regeln und Grenzen setzen muss. Und das konsequent. Aber bitte nicht über den Machthebel. Eltern müssen nicht immer die Stärkeren sein, die Gewinner über diese kleinen Wesen. Denn damit wird das elterliche Verhalten für das Kind nur salonfähig gemacht. Dazu fällt mir dieser Spruch ein: „Was Du willst, das man Dir tu, das füge keinem anderen zu.“ Wem dieser Wert wichtig ist, sollte ihn seinen Kindern auch vorleben.

Um den Kreis wieder zu schließen: Vielleicht hätte es der ratsuchenden Mutter geholfen, wenn sie den Mut gehabt hätte, in der Öffentlichkeit und – vor den Augen der gewalttätigen Tochter – die Tränen laufen zu lassen, die ja sowieso schon da waren. Nicht, um Schwäche zu zeigen oder Überforderung, sondern ihrer Trauer und Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Einen Versuch wäre es jedenfalls wert.

#strategieneinermutter