Fünf Schnitzer mit Folgen

Unser diesjähriges 1. Mai-Wochenende haben wir mit vielen Freunden im Harz verbracht. Dort überkam unseren ältesten Sohn – angesichts der vorhandenen Stock- und Astmengen – die Schnitzlust. Dauernd hörten wir: „Papa, wo ist Dein Taschenmesser!“ Oder: „Ich will nicht wandern, ich will schnitzen!“ Wir fanden das schön, dass unser Sohn so Feuer und Flamme für diese Handarbeit war.

Kurz vor der Abreise fragte er wieder nach dem Taschenmesser meines Mannes. Ich antwortete: „Das habe ich jetzt schon ins Auto gepackt, da kommen wir nicht mehr dran.“ Er war etwas geknickt, aber nahm es hin. Als wir dann auf der Autobahn waren, fand er – als ob er es gerochen hätte – die Box mit dem Taschenmesser, holte es heraus und spielte die ganze Zeit damit. Als ich das sah, war ich besorgt, wegen der Verletzungsgefahr, und sagte zu ihm: „Lass das Messer bitte im Auto zusammengeklappt, damit Du Dich nicht verletzt, wenn Papa vielleicht mal eine Vollbremsung machen muss.“ Und ich dachte, er hört auf mich. Hat er auch. Das Messer blieb anscheinend eingeklappt – die Schere aber nicht.

Als ich mich nach einiger Zeit wieder umdrehte, sah ich nämlich erst viele, viele Haare rumfliegen … dann ein Loch im Kindersitz … dann noch ein Loch im Kindersitz … dann noch ein Loch im Kindersitz … dann ein Loch in seiner Hose …. und dann noch das Loch in der mit Stoff bezogenen Verkleidung der Autotür. Vor lauter Entsetzten kam bei mir nur ein: „Was ist das denn?“ über die Lippen. Mein Sohn drehte sich vor Scham weg und fing an zu weinen.

Auf der nächsten Raststätte haben wir uns den Schaden genauer angesehen. Geschimpft haben wir mit unserem Sohn nicht. Denn das hätte es nur schlimmer gemacht. Er war ja schon am Boden zerstört. Uns hat es nur sehr enttäuscht, wie unbedacht er Löcher in Gegenstände geschnitzt hat, die viel Geld gekostet haben und die man gut und gerne noch weiterverkaufen könnte. Und vor allem seine Frisur – im Pony war eine schöne kurzgeschnittene Lücke – war so entstellt, dass ich auch fast zu Weinen angefangen hätte. Auf unsere Frage, warum er das gemacht hat, kam nur ein: „Ich wollte schnitzen.“

Wie geht man nun mit so etwas um? Die Lücke im Haarpony war das geringste Problem. Nachdem ich den lässigen Justin Bieber-Look um einiges kürzen musste, um die fehlende Länge auszugleichen, sagte ich zu meinem bedröppelten Sohn: „Die wachsen ganz schnell wieder.“ Mein Mann und ich waren aber dennoch beide der Meinung, dass unser Sohn eine Konsequenz, also eine Art „Strafe“ (Eigentlich mag ich den Begriff nicht. Aber mir fällt kein anderer dazu ein. Deswegen hier in Gänsefüßchen.) für sein Handeln bekommen sollte. Um zu lernen, dass man Wertsachen nicht einfach so – ohne darüber nachzudenken – kaputt schneiden kann. Das kann man aber nicht auf die Schnelle entscheiden. So etwas will sorgfältig überlegt sein.

Also habe ich unserem Ältesten gesagt: „Wenn Du nachher schläfst, bespreche ich das mit Papa und wir sagen Dir morgen früh Bescheid, was Deine „Strafe“ sein wird.“ Er: „Ich habe da schon eine Idee.“ Ich: „Na dann raus damit.“ Er: „Ein Wochenende nutella-Verbot.“ Guter Versuch, denke ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Weil er weiß, dass wir ziemlich weich damit umgehen. Nutella-Verbote kann man sich bei uns nämlich ganz leicht mit Tischdecken weg verdienen. Sagen tue ich aber: „Ich nehme Deinen Vorschlag mit in das Gespräch mit Papa, aber ich kann Dir nicht versprechen, dass es das wird.“

Später saßen mein Mann und ich auf dem Sofa und beratschlagten. Meine erste Idee: unser Sohn muss für jedes Loch 50 Cent aus seiner Sparkuh abdrücken. Bei fünf Löchern macht das 2,50€. Mein Mann hatte dazu den richtigen Einwand, dass daraus kein Lerneffekt entsteht. Das Geld ist weg, und das juckt ihn dann auch nicht mehr. Okay, weiter im Brainstorming. „Er muss dafür was arbeiten.“ sagte ich. Und dann noch: „Ich habe es. Fünfmal mit dir Rasen mähen.“ Mein Mann guckte mich an: „Da ist die Strafe in drei Jahren ja noch nicht abgearbeitet. So oft ist das nicht.“ Okay, schlechte Idee. Also weiter gedacht. Es sollte etwas sein, das er eigenverantwortlich bewerkstelligen kann und etwas, das zeitnah abzuarbeiten ist und etwas, dass er bislang noch nicht oder nur selten gemacht hat. Einige Ideen weiter haben wir uns dann auf eins geeinigt.

Am nächsten Morgen ließen wir unseren Sohn unser Urteil wissen: „Für jedes Loch, das Du geschnitten hast, wirst Du einmal die Spülmaschine ausräumen. Also insgesamt fünfmal.“ Unser Sohn guckte erst befremdet, so nach dem Motto: ‚Kann und will ich das?‘ Denn beim Spülmaschine ausräumen hat er bis dato nur ab und zu geholfen. Aber ganz alleine, ohne Hilfe, das war absolutes Neuland. Dann sagte er: „Okay.“

Und schon am Mittag kam er aus der Schule nach Hause, sah die unausgeräumte Spülmaschine und sagte: „Das mache ich!“ Er legte sofort los. Mittlerweile hat er schon viermal die Spülmaschine ausgeräumt. Nach dem zweiten Mal ausräumen verkündete er auch noch: „Mama, das macht mir so einen Spaß, das will ich jetzt immer machen. Nicht, weil ich es muss. Sondern, weil ich es darf.“ Heureka, mein Sohn will im Haushalt helfen! „Strafe“ ist eben auch manchmal zu etwas gut. Auch wenn ich jetzt in meiner Küche die Utensilien nicht mehr wieder finde. Seine Ordnung ist eben eine andere als meine…

#strategieneinermutter

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