Der Notfall-Mundöffnergriff

Gestern war meine Freundin mit ihrer einjährigen Tochter zu Besuch. Und zwar diejenige, die so professionell ausgestattet ist (siehe auch Du bist aber well-equipped!). Das Wetter war so herrlich, da saßen wir gemütlich bei uns im Garten auf einer ausgebreiteten Decke und quatschten. Meine beiden Großen plantschten mit Wasser, die Kleinen krabbelten auf bzw. neben der Decke.
Während meine Tochter zu den Wasserspielen ihrer Brüder aufbrach, machte es sich die Tochter meiner Freundin zum Sport, unsere Gänseblümchen abzuzupfen und genussvoll aufzumampfen. Meine Freundin blieb entspannt – Gänseblümchen sind ja essbar. Als die Kleine aber ein ganz großes Blümchen samt Stiel in den Mund schob, wurde es selbst meiner Freundin zu heikel. Sie wollte dieses Blümchen aus dem Mund ihrer Tochter holen. Und zwar ungefähr so:20140430-223505.jpg

Das Finger-in-den-Mund-stecken half aber nicht. Die Kleine presste Kiefer und Lippen so fest aufeinander, dass meine Freundin den Mund nicht aufbekam. Und das machen Kinder immer so. Ich spreche da aus dreifacher Erfahrung. Zum Glück hat mich ein versierter Mensch vom medizinischen Fach einen garantiert wirksamen Mundöffnungsgriff gelehrt. Von diesem berichtete ich meiner Freundin sogleich: „Es gibt da so einen Griff, um dem Mund aufzumachen.“ Sie: „Ja? Mach mal!“ Und ich machte bei ihrer Tochter so:

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Man muss also Daumen und Zeigefinger rechts und links von den Mundwinkeln ansetzen und kräftig zudrücken. Und dann mit der anderen Hand das corpus delicti – in diesem Fall das Gänseblümchen – entfernen. Das könnt ihr ruhig mal bei Euch selbst ausprobieren. Ich wette, auch Ihr könnt dann Euren Kiefer nicht mehr zusammenhalten. Für den Notfall – Kleinstspielzeug, Murmel, Nuss etc. im Mund des Kindes – kann dieser Griff also jede Menge Stress und – im schlimmsten Fall – Leid verhindern.

Das Urteil meiner Freundin: „Das ist auf jeden Fall ein Blog-Post wert.“ Bitteschön. Hier ist es!

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Kleine Küchenassistenten

Im Grunde sind Kinder die hilfsbereitesten Menschen. Bittet man sie freundlich um ihre Hilfe oder Mithilfe, reagieren sie eigentlich immer prompt und gerne. Davon könnte sich manch Erwachsener eine Scheibe abschneiden.

Meine Kinder sind besonders hilfsbereit, wenn es ums Kochen geht. Bereits im Kleinstalter habe ich sie daran teilhaben lassen. Sobald sie sitzen konnten – momentan mache ich das mit unserer Kleinen -, habe ich sie auf die Arbeitsplatte in die Küche gesetzt, mich schützend davor gestellt und sie beim Schnippeln zugucken lassen. Ab und zu gibt es was zu probieren. Das lieben die Kinder. Unsere jüngste Tochter liebt die Küchenzeit sogar so sehr, dass sie einen Tobsuchtsanfall bekommt, wenn ich sie von der Ablage wieder herunternehme.

Unsere Jungs sind mittlerweile zu richtigen Kleinköchen herangewachsen. Wenn ich frage: „Wer will mein Küchenassistent sein?“ Oder: „Ich brauche Hilfe von einem guten Pizzabäcker!“ Dann sind sie sofort Feuer und Flamme, schieben ihre TripTrap-Stühle an die Arbeitsfläche in der Küche und können es kaum erwarten, dass es los geht. Anfangs ließ ich sie Kleinigkeiten machen, z. B. Salz und Pfeffer in die Salatsauce streuen, umrühren oder ähnliches. Heute schneiden sie das Gemüse, panieren Schnitzel, halten Mixer, reiben Parmesankäse und und und… Nur am Herd bin ich nach wie vor vorsichtig. Da darf der Große schon mal die Nudeln im kochenden Wasser umrühren. Aber nur unter meiner Aufsicht!
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Das macht nicht nur den Kindern einen Riesenspaß, sondern auch mir. Man schlägt nämlich zwei Fliegen mit einer Klappe: 1. die Arbeit geht viel schneller, weil man sich in der Zwischenzeit um anderweitige Zubereitungen kümmern kann. Und 2. die Kinder lernen, wie man gutes Essen zubereitet ohne ein Fertiggericht aufzureißen und in die Mikrowelle zu stellen. Für mich ist das sehr wichtig. Ein weiterer guter Nebeneffekt: Die Kinder sind unendlich glücklich und entspannt dabei, weil sie sich ernst genommen und verantwortlich fühlen.

Aber nicht nur meine Kinder helfen gerne in der Küche. Neulich war das Küchenassistentenspiel für mich eine gute Zeitüberbrückungsmaßnahme. Wir hatten nämlich die dreijährige Nachbarstochter bei uns zu Besuch und sie hatte etwas Heimweh nach ihrer Mama. Da habe ich sie einfach mit in die Küche genommen, sie auf die Arbeitsplatte gesetzt und sie gefragt, ob sie mir helfen will, die Kräuterbutter fürs Grillfleisch zuzubereiten. Sie sagte: „Au ja!“ Und dann ging die Zeit, bis ihre Mama sie abholte, dank Kräuterhackens ganz schnell vorbei.

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Die pawlowsche Eieruhr

Kennt Ihr das auch? Abends, wenn die Luft schon so langsam aus uns allen – Kinder inklusive mir – raus ist, und die Kinder jammern irgendwas zwischen: „Ich habe Hunger!“ und „Ich bin schlapp!“. Dann denke ich oft: ‚Super, jetzt den Dreien schon den Schlafanzug an, dann noch Abendessen. So habe ich die drei ganz früh, ganz schnell und unkompliziert im Bett.‘ Falsch gedacht. Denn wenn nach dem Abendessen die Kohlenhydrate im Blut angekommen sind, drehen die Jungs nochmal richtig auf. „Mama, können wir im Bett toben?“ „Komm, wir spielen noch ne Runde Fußball.“ Und ich merke, wie sich mein Plan von einem entspannten und ruhigen Ins-Bett-geh-Ritual in Luft auflöst. Puff!

Sollen sie sich kurz noch austoben, die Laune ist ja wieder gut. Aber man muss die Drehzahl bei den Kindern auch wieder runterkriegen. Also versuche ich, die Tobezeit zeitlich zu begrenzen. Ich mache eine Ankündigung: „Okay, Jungs, Ihr dürft jetzt noch so lange spielen, bis ich den Abendbrottisch abgeräumt habe. Dann gehen wir zusammen Zähne putzen und dann ab ins Bett und Geschichte lesen.“ Die Jungs: „Okay!“ Ich räume den Abendbrottisch ab, und bitte dann meine Kinder, sich jetzt bettfein zu machen. Aber Pustekuchen. Mit hochroten, verschwitzten Köpfen eröffnen sie mir: „Och nö, Mama, wir haben noch gar nicht richtig gespielt.“ Oder: „Es ist noch viel zu früh. Kannst Du noch kurz mitspielen?“ Mein Blick wandert zur Uhr, die 19 Uhr anzeigt: „Na gut, noch fünf Minuten, dann gehen wir aber und machen Euch bettfein.“ „Super!“ Nach geschätzten fünf Minuten improvisiere ich einen Abpfiff. „So, Spielschluss, ab ins Bad und Zähne putzen.“ „Och nö, Mama, das war noch viel zu kurz.“ So langsam schwillt meine Halsschlagader an. Diese Spielzeit-Verhandlungen zehren echt an den Nerven. Zumindest bei mir.

Drum habe ich eines Tages unsere Eieruhr aktiviert und zu den Jungs gesagt: „Ihr dürft jetzt noch eine Viertelstunde spielen. Ich stelle die Eieruhr. Aber wenn es klingelt, geht ihr Euch ohne Diskussionen bettfein machen.“ Und, ich weiß nicht warum, das hat geklappt. Dass das monotone Gebimmel einer Eieruhr für meine Kinder mehr Autorität verkörpert als die Stimme nebst Ansagen ihrer Mutter, gibt mir zu denken. Die Psychologie dahinter würde ich ja zu gerne kennen.
Nichtsdestotrotz, seitdem stelle ich öfter mal die Eieruhr. Der Einsatz ist auch in anderen Situationen ganz hilfreich: Beispielsweise, wenn beide ein bisschen Computer spielen dürfen und sie sich verständlicherweise nicht abwechseln wollen, stelle ich die Uhr auf fünf Minuten. Und wenn es klingelt, wird getauscht. Oder wenn sie beide mal wieder nicht aus der Wanne raus wollen. Wenn es klingelt, kommen sie raus. Und und und …
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Heute war mir die Eieruhr auch wieder einmal eine Hilfe: Wir waren lange unterwegs und kamen am späten Nachmittag erst nach Hause, aber die beiden wollten noch ein bisschen im Garten spielen. Ich dagegen wollte eigentlich Abendbrot machen. Also habe ich die Eieruhr auf zwanzig Minuten gestellt und gesagt: „Wenn die Eieruhr klingelt, kommt ihr aber rein zum Essen.“ Kaum hat das Ding gerappelt, standen die beiden vor mir. Ich: „Ups, das ging aber schnell. Ich bin noch gar nicht so weit.“ Mein jüngerer Sohn zu seinem älteren Bruder: „Okay, Mama braucht noch zehn Minuten. Wir können noch spielen. Stell mal die Uhr.“ Und weg waren sie.

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Die Schimpfwort-Schlange

Seit dem Erfolg mit dem Zahnputzhamster (nachzulesen in Von Zahnputzhamster bis Vokalgesang) bin ich ein richtiger Freund von Stempelbrettern geworden. Und so bin ich folgendes „Problem“ wieder einmal mit einem Stempelspielchen angegangen:

Bei uns gibt es eine klare Schimpfwort-Regelung: Schimpfwörter und schlimme Wörter sind grundsätzlich verboten. Wer aber mal fluchen muss, darf sich des Vokabulars „Mist“, „Manno“ oder „Scheibenkleister“ bedienen (ausführlich beschrieben unter Mist, Manno und Scheibenkleister !). Klingt ganz einfach.

Die Realität ist leider eine andere. Unser 4jähriger hat es sich in letzter Zeit nämlich zum Sport gemacht, ausufernd mit den Worten „Scheiße“, „Blödmann“, „Scheißkopf“ und so weiter um sich zu schmeißen. Da half auch mein zensierend ausgerufenes „Pieeeeeep“ nicht mehr.

Also habe ich mir etwas überlegt, wie ich unseren Mittleren dazu anspornen kann, bewusster mit seiner Wortwahl umzugehen. Ich sagte zu ihm: „Ich möchte nicht mehr, dass Du diese schlimmen Wörter sagst. Ich möchte Dir helfen, diese schlimmen Worte zu vergessen. Wie wäre es mit einem Stempelbrett?“ Mein Sohn: „Och nööö!“ Ich denke: ‚Das läuft ja gar nicht gut an.‘ Ich lasse mich auf diese Lustlosigkeit nicht ein und erkläre weiter: „Die Spielregeln gehen so: An jedem Tag, wo Du kein schlimmes Wort sagst, darfst Du Dir einen Stempel machen. Wenn Du es auch noch schaffst, noch nicht einmal Mist, Manno und Scheibenkleister zu sagen, darfst Du Dir sogar zwei Stempel machen. Nach jedem zehnten Stempel bekommst Du eine Packung Fußballkarten.“ Diese Fußballkarten sind bei unseren Jungs gerade total hoch im Kurs. Obwohl ich der Meinung bin, dass diese Dinger reine Geldmacherei sind (1€ für fünf Spielerkarten!), finde ich sie als kleine Belohnung völlig adäquat. Aber zurück zum Thema: Was antwortet mein Sohn? „Och nöö, ich habe keine Lust.“

Mir doch egal. Ich versuche es trotzdem. Ich setze mich in sein Zimmer und bastele in seiner Anwesenheit ein Stempelbrett mit Dschungeltieren. Und als ich beginne, die Stempelkreise miteinander zu verbinden, kommt mir prompt der Name für dieses Brett in den Sinn. Als ich fertig bin, halte ich meinem zweitjüngsten Spross das Stempelbrett unter die Nase und rufe: „Tatatata, hier ist Deine Schimpfwort-Schlange.“ Da wurden die Augen schon größer.

Ich erkläre: „Die Tiere rund um die Stempelschlange wollen Dir die Schimpfwörter wegschnappen. Sie helfen Dir, mit jedem Stempel, den Du machst, die schlimmen Wörter zu vergessen.“ Der Kleine lacht und antwortet: „Ja, danke!“ Ich hänge die Schlange an seine Magnetwand und warte. Einen Tag, zwei Tage, drei Tage… Nichts passiert. Das Kind macht weiter. Jeden Tag sage ich zu ihm: „Heute kannst Du Dir leider wieder kein Stempel machen.“ Ich komme mir dabei ein bisschen vor wie Heidi Klum: „Ich habe heute leider kein Foto für Dich.“ Aber während die Top Model-Anwärterinnen dann reihenweise in Tränen ausbrechen, schert meine Abfuhr meinen Sohn herzlich wenig.

Aber dann: Nach fünf Tagen ungenutzter Schimpfwort-Schlange sagt mein Sohn abends zu mir: „So Mama, heute darf ich mir gleich zwei Stempel machen. Ich habe heute nämlich kein einziges Schimpfwort gesagt.“ Und er blickt dabei ganz stolz. So, als ob er mich damit überraschen wollte. Ich hätte es wissen müssen. So wie Nummer 2 momentan einfach alles selbst bestimmen will, bestimmt er auch in dieser Sache. Und ich dachte, meine Strategie wäre gescheitert. Aber nein, seit dem der kleine Mann sich dazu entschieden hat, bei dem Spiel mitzumachen, klappt es erstaunlich gut mit der Schlange. So nach und nach füllt sie sich. Und es gab auch schon eine Packung Fußballkarten.

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Ganz reibungslos geht die Schimpfwortabgewöhnung allerdings nicht von statten. Vorgestern sagt er zu mir im Frust: „Du Stinkstiefel!“ Und gleich hinterher: „Mama, das ist aber kein Schimpfwort.“ Ich glaube, ich muss mit ihm da nochmal ein paar Definitionen festlegen.

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Die Einschlafregel mit Einschlafhilfe

Uns war es von Anfang an wichtig, dass unsere Kinder ihr eigenes Bett als „ihren Ort des Einschlafens“ begreifen. Ich gebe zu, wir waren mit dieser Einstellung ein wenig beeinflusst von den vielen Ratgeber-Empfehlungen: Kinder haben in ihrem Bett zu schlafen und gehören nicht ins Bett der Eltern. Ganz so drastisch wollten wir es aber dennoch nicht handhaben.

Ich kann mich nämlich noch sehr gut daran erinnern, dass ich selbst als Kind sehr gerne bei meinen Eltern im Bett geschlafen habe. Ich bin zwar jeden Abend in meinem Bett eingeschlafen, die Zimmertür weit geöffnet, mit Licht im Flur und mit dem Wissen, dass meine beiden Schwestern im Zimmer nebenan schliefen. Wenn ich aber nachts wach wurde – und das wurde ich zuverlässigerweise jede Nacht – und ich im Dunkeln lag, bekam ich es mit der Angst. Dann nahm ich all meinen Mut zusammen, packte meine Bettdecke und schlich zu meinen Eltern mit dem geflüsterten Satz: „Mama, ich kann nicht schlafen.“ Dann machten meine Eltern immer Platz zwischen sich und ich durfte mich in ihre sichere Mitte kuscheln. Diese Wärme, der gleichmäßige Atem und der von ihnen vermittelte Schutz sind mir heute noch sehr präsent und in schöner Erinnerung. War es doch ein Höchstmaß an gespürter Liebe und Nähe meiner Eltern zu mir (was nicht heißen soll, dass mir meine Eltern sonst keine Liebe entgegengebracht hätten). Ich glaube, ich war zehn Jahre alt, als ich das letzte Mal nachts zu meinen Eltern ins Bett gekrochen bin.

Mit dem Wissen um diese eigene Erfahrung, haben wir – nun selbst Eltern – daher folgende Regel aufgestellt: Jedes Kind schläft in seinem Bett ein. Wenn es aber nachts wach wird, darf es immer zu uns ins Bett kommen. Das hat auch schon mal zur Folge, dass wir nachts eingequetscht zu fünft im Ehebett liegen. Und obwohl ich heute die Schützende bin – als Rausfallschutz und nächtlicher Angstnehmer – fühle ich mich als Erwachsene genauso sicher, wie damals als Kind.

Leider klappt das mit dem Einschlafen im eigenen Bett bei uns gar nicht so gut. Das Baby ist momentan zu klein. Sie hat noch keine Angst vor dem nächtlichen allein sein. Sie macht das 1A.
Wenn es aber darum geht, dass ihre größeren Brüder in ihren Betten einschlafen sollen, hören wir täglich: „Kannst Du noch bei mir bleiben, bis ich eingeschlafen bin?“ Dann agieren mein Mann und ich als Einschlafhilfe. Wir kuscheln uns je zu einem Kind ins Bett. Die Tür weit auf, Licht im Flur und wachen über sie, bis sie eingeschlafen sind.

Bei dem 4jährigen ist das eine Sache von original drei Minuten. Der kuschelt sich ein, macht die Augen zu und ist ratzfatz im Land der Träume. Der Große aber übt sich, sobald das Nachttischlämpchen verlischt, in Wachhaltestrategien: da wird sich rumgewälzt, mit den Augen geklimpert, mit den Fingern „Klavier gespielt“, an der Tapete gekratzt, ein Gespräch angefangen und und und … er kriegt dann einfach nicht die Kurve. Und das, obwohl er hundemüde ist. Wir haben vieles versucht, um ihn da raus zu holen: Geschichte auf CD hören. Hat nicht geholfen, weil er nicht dabei einschläft, sondern bis zum Schluss zuhört und dann noch drüber reden möchte. Ruhige, klassische Musik hören. Hat nicht geholfen, weil ihn die Musik so berührt hat, dass er weinen musste. Einen weichen Ball kneten (Tipp, von der Erzieherin aus dem Kindergarten). Hat nicht geholfen, weil er den Ball durchs Bett geworfen hat. Alleine noch ein Buch angucken/lesen. Hat nicht geholfen, weil er davon nicht müde, sondern nur aufgekratzter wurde und sich das Einschlafen noch mehr verzögerte.

Das einzige, was bei ihm einigermaßen gegen das systematische Wachhalten hilft, ist tatsächlich unsere elterliche Einschlafhilfe. Dann zappelt er zwar trotzdem, aber dann halte ich ihn im Arm, lasse ihn gegen das ständige Hände bewegen die langen Schlappohren seines Kuschelhasen festhalten und rede ruhig und leise in Yoga-Sprache auf ihn ein: „Augen zu, lass los, es gibt nichts zu tun, Dein Körper will sich jetzt ausruhen, lass den Schlaf kommen, Augen zu …“

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Es dauert dann zwar zwischen zehn und dreißig Minuten bis er eingeschlafen ist, aber es geht deutlich schneller als zu sagen: „Gute Nacht, träum schön! Wir sind ja da!“ und das Zimmer zu verlassen. Das haben wir natürlich auch immer wieder versucht. Denn auch wir haben nicht immer Lust dazu die Einschlafhilfe zu geben.

Manch einer könnte jetzt sagen: „Sind die Eltern denn verrückt? Man will ja auch noch was vom Abend haben.“ Das stimmt. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass unsere Kinder mit uns an ihrer Seite viel schneller einschlafen als ohne Einschlafhilfe. Dann haben wir mehr vom Abend als im Zehn-Minuten-Takt ins Kinderzimmer zu gehen und auf das Kind einzureden.

Ich denke oft an diesen Satz: Alles hat seine Zeit. Das mit dem alleine Einschlafen wird schon irgendwann klappen. Wir bleiben dran. Und sind offen für Vorschläge, wie wir den Wachhaltestrategien unseres Ältesten begegnen können. Und so lange genießen wir die abendliche und nächtliche Kuschelzeit mit unseren Kindern. Denn auch die wird – aus dem eigenen Willen der Kinder heraus – irgendwann vorbei sein.

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Gastauftritt: „Vegan“ ist nichts für Kinder !

Vorneweg: Ich bin Oberarzt in einer großen Kinderklinik. Mascha hat mich gebeten, einen Gastbeitrag zu einem Gesundheitsthema zu verfassen, das mir persönlich am Herzen liegt. Auch wenn mir diesbezüglich viele Themen einfallen, fällt mir dies nicht ganz leicht, da Gesundheitsthemen häufig Kontroversen hervorrufen – ganz besonders wenn es um Kindergesundheit geht. Meine Erfahrung ist jedoch, dass es nicht hilfreich ist, diese Themen emotional anzugehen. Ich halte vielmehr einen kritischen Rationalismus für die beste Art, sich mit diesen Themen auseinanderzusetzen – besonders, wenn es die Gesundheit der eigenen Kinder betrifft. In diesem Sinne möchte ich meine persönlichen Erfahrungen aus meinem Klinikalltag weitergeben und meinen Gastauftritt bei „Strategien einer Mutter“ dafür nutzen, neutral und rational zu informieren.

Mit diesem Beitrag möchte ich einem Trend entgegentreten, der sich – zumindest in den Medien – derzeit zunehmend verbreitet: die vegane Ernährung. In meiner Wohngegend gibt es kaum einen Buchladen oder Kiosk mehr, in dem es nicht vor Kochbüchern, Ratgebern und Zeitschriften zum veganen Kochen und Essen nur so wimmelt. Zu diesem Thema besteht aber – meinem Eindruck nach – vor allem viel Unkenntnis darüber, wie gefährlich und nachhaltig schädlich sich eine vegane Ernährung auswirken kann. Denn: Erwachsene und Kinder reagieren sehr unterschiedlich darauf. Daher liegt mir dieses Thema im Zusammenhang mit Kindergesundheit besonders am Herzen.

Es gilt zu unterscheiden: Gegen eine ausgewogene vegetarische Mischkost unter Einbeziehung von Ei- und Milchprodukten ist nicht nur nichts einzuwenden, sondern dies ist sicher eine der Ernährungsformen, die mit Fug und Recht als gesund zu bezeichnen sind. Gefährlich ist jedoch vielmehr eine streng vegane Kost, bei der weder Fisch, Ei- noch Milchprodukte aufgenommen werden. Eine vegane Ernährung ist immer eine Mangelernährung, bei der viele Nahrungsbestandteile in zu geringer Menge aufgenommen werden, so wie beispielsweise essentielle Aminosäuren, bestimmte Mineralstoffe und Spurenelemente und Vitamine. Besonders kritisch ist jedoch die Versorgung mit Vitamin B12. Nach aktuellen Studien haben 90% der Menschen, die sich dauerhaft vegan ernähren, einen Vitamin B12-Mangel.

Fakt ist: In den kinderneurologischen Sprechstunden größerer Kinderkliniken oder als niedergelassene Kinderneurologen sehen wir leider immer öfter folgendes, leider fast schon „klassisches“ Krankheitsbild: ein Kind wird, meist gegen Ende des ersten Lebensjahres, bei uns zur Diagnostik vorgestellt. Es besteht der Verdacht auf eine „Entwicklungsverzögerung“: das Kind erreicht normale Meilensteine der Entwicklung (freies Sitzen, Krabbeln, erste Wörter) nicht.
Befragen wir die Eltern, hören wir typischerweise folgende Vorgeschichte: langes Stillen durch langjährig vegan lebende Mutter (wobei wir Kinderärzte das Stillen grundsätzlich sehr begrüßen und fördern!) und anschließend Einführung einer veganen Beikost für das Kind. In der genauen kinderneurologischen Untersuchung zeigt sich dann meist eine erschreckende globale Entwicklungsstörung, verursacht durch einen schwerwiegenden Vitamin B12-Mangel.

Was viele nicht wissen: Erwachsene haben in ihrer Leber genügend Vitamin B12 gespeichert, um damit etwa 3 Jahre auszukommen. Stellt also ein Erwachsener seine Ernährungsweise auf vegane Kost um, treten erste Symptome eines Vitamin B12-Mangels im Allgemeinen frühestens 3 Jahre später auf.

Ein Vitamin B12-Mangel kann sich bei Erwachsenen auf sehr unterschiedliche Art äußern: Das Spektrum reicht von Blutarmut über Kribbeln in Händen und Füßen bis hin zu einem fortschreitenden Funktionsausfall der peripheren Nerven (z.B. Taubheitsgefühle der Haut) und zu schweren neuropsychiatrischen Beschwerden. Der Verlauf ist dabei aber meist schleichend. Stellen diese Menschen ihre Ernährung wieder um, bilden sich die Symptome meist zurück.

Bei Kindern ist der Verlauf jedoch komplett anders: Kinder sind, wenn sie auf die Welt kommen, für die Entwicklung und Reifung ihres Gehirns von Beginn an auf eine ausreichende Versorgung mit Vitamin B12 angewiesen. Bei strengen Veganerinnen fehlt das Vitamin B12 in der Muttermilch, so dass betroffenen Kindern von Beginn an eines der wichtigsten Vitamine für die Hirnentwicklung fehlt. Das Hauptproblem: diese Entwicklungsstörung ist in diesem Stadium nicht mehr umkehrbar! Das Kind trägt diesen Schaden für den Rest seines Lebens mit sich herum.

Wir Kinderärzte sehen dieses vermeidbare Krankheitsbild leider mit zunehmender Häufigkeit: Während dies früher eine typische Armuts-Erkrankung war, wächst die „Entwicklungsstörung durch alimentären frühkindlichen Vitamin B12-Mangel“ heute typischerweise in den wohlhabenden Vierteln deutscher Großstädte.

Als Erwachsene handeln wir eigenverantwortlich. Wer sich also vegan ernähren möchte, entscheidet dies für sich selbst – und trägt auch selbst die Konsequenzen. Anders bei unseren Kindern. Sie können sich nicht aktiv für (oder eben gegen) eine bestimmte Ernährungsform entscheiden und sind abhängig davon, dass wir Eltern verantwortungsbewusst für sie die richtige Entscheidung treffen. Natürlich wollen wir stets das Beste für unsere Kinder, auch (und vielleicht besonders) diejenigen Eltern, die ihr Kind vegan ernähren möchten.

Mein Appell also: Eine vegane Ernährung ist für Kinder ungeeignet ! Wer sein Kind trotzdem, aus welchen Gründen auch immer, vegan ernähren möchte, sollte unbedingt für eine zusätzliche Zufuhr an künstlichem Vitamin B12 sorgen, und zwar von Geburt an, und die Versorgung mit Vitamin B12 (und natürlich auch allen anderen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen) regelmäßig vom Kinderarzt kontrollieren lassen. Ihr Kind wird es Ihnen danken !

Nachtrag des Autors: Einige Kommentatoren haben Interesse an weiterführender Literatur bekundet. Dazu gibt es eine Fülle an wissenschaftlichen Publikationen, als Beispiele seien genannt:
– Herrmann W, Obeid R (2008): Ursachen und frühzeitige Diagnostik von Vitamin-B12-Mangel. Deutsches Ärzteblatt 2008, 105:680-685
– Koletzko et al. (2013): Säuglingsernährung und Ernährung der stillenden Mutter. Monatsschrift Kinderheilkunde 2013, 161:237-246
– Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, Ernährungskommission: Empfehlungen zur Ernährung gesunder Säuglinge.
http://www.dgkj.de

Anmerkung: Der Autor gibt an, dass keine Interessenkonflikte bestehen. Insbesondere bestehen keine geschäftlichen oder sonstigen Verbindungen zu Pharmaunternehmen oder Herstellern von Nahrungsergänzungsmitteln.

Gastautor: habilitierter Oberarzt eines großen Kinderkrankenhauses, selbst Vater von drei Kindern
Ich habe ihn um einen Gastartikel gebeten, weil er als Kinderarzt meines Vertrauens immer einen sehr klaren und realistischen Blick auf die Dinge rund um Kindergesundheit hat.

Mehr Informationen über diese Rubrik findet ihr in der Navigationsleiste unter “Gastauftritt”

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