Gegen die kulinarische Frustration

Würstchen mit Bratkartoffeln, Fisch mit Kartoffelbrei, Nudeln mit Gehacktessoße, Reis mit Klopsen … Das alles seit sechs Jahren immer wieder kochen und essen zu müssen hängt mir so zum Hals raus. Ich kann es anders gar nicht sagen:
Ich bin kulinarisch frustriert!
Kinderessen ist ja schön und gut. Weil man weiß, man macht den Kleinen damit eine Freude. Und man hat die Sicherheit, dass sie sich zufrieden und satt essen. Aber man selbst bleibt dabei echt auf der Strecke – was die Gaumenfreuden angeht.

Ach, wie sehne ich mich nach den alten Zeiten, in denen ich als Hobbyköchin Leckereien wie Schweinefilet mit Kräuterkruste, Involtini, Bandnudeln mit Waldpilzen oder Lammragout zubereitet habe. Auch wenn meine Kinder all diese Köstlichkeiten ablehnen (sie probieren nicht einmal), hat mein ältester Sohn sogar mal zu mir gesagt: „Mama, Du hättest besser Koch werden sollen.“ Er lobte zwar damit „nur“ meine Nudeln mit Butter, aber es war doch ein schönes Kompliment.

So gerne ich wieder öfter „gehobenere“ Küche machen würde, ich komme ja gar nicht mehr dazu. Oder besser gesagt: ich habe momentan weder die Zeit, noch die Kraft und Muße, mich abends nochmal in die Küche zu stellen.

Zwei kleine Lichtblicke haben mir jedoch neulich meine besten Freundinnen verschafft. Und das unabhängig voneinander: Während mein Mann den Babysitter machte, lud mich die eine Freundin zum gemeinsamen kochen zu sich nach Hause ein. Wir machten gebackene Forellen mit Salat. Und danach sind wir pappsatt auf ihr Sofa geplumpst und haben den Abend gemütlich ausklingen lassen.
Die andere Freundin war letztens für ein paar Tage zu Besuch (wir sehen uns circa zweimal im Jahr). Als ich ihr mein Leid klagte, sagte sie so etwas wie: „Ich wollte Dich eh am Samstag ausführen und zum Essen einladen.“ Und ich war ihr so dankbar. Also reservierte sie uns einen Tisch in einem kleinen, aber feinen Tapas-Restaurant und wir hatten es richtig schön. Wir saßen bei Wein und saftiger Entenbrust auf Avocadocréme, feurig gewürzten Garnelen, interessant gewürztem Oktopus, knusprig gegrillten Sardinen und und und … und quatschten und lachten und waren am Ende vollgegessen und die letzten Gäste.

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Diese Abende haben nicht nur meiner kulinarischen Frustration entgegengewirkt, sondern waren für mich die vollkommensten Abende seit Langem. So unbedarft und schwerelos wie es früher mit uns Mädels war. Ich hatte vergessen, wie sehr mir das fehlt. Drum leide ich jetzt unter einem weiteren Syndrom: Soziale Dekompensation. Die werde ich als nächstes verschärft therapieren.

#strategieneinermutter

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Das Ausnahme-Abendbrot

Heute morgen fing es an. Unser Ältester wachte auf und guckte ziemlich schlapp aus seinem Schlafanzug. Oh je, denke ich, er wird krank. Also hole ich das Fieberthermometer aus dem Schrank und messe. Kein Fieber. Okay, dann hat er bestimmt Hunger, diagnostiziere ich weiter und flöte in meinem aufmunterndsten Ton: „Komm Schatz, wir ziehen Dich jetzt an und dann isst Du mal was. Danach geht es Dir bestimmt besser.“ Das Kind antwortet matt: „Okay.“ Nach dem Frühstück, auf dem Weg zur Schule frage ich ihn: „Und, geht es Dir schon besser?“ Er: „Nein.“ Nach einer Pause: „Mama, heute habe ich keinen guten Tag.“ Ich antworte beschwichtigend: „Ach komm, es ist ja noch ganz früh, da kannst Du das doch noch gar nicht sagen.“ Als ich ihn von der Schule abhole, kommt mir allerdings ein völlig bedröppelter Junge durch den strömenden Regen entgegen gelaufen. An seinen Füßen die völlig durchnässten Hausschuhe, die eigentlich für den Klassenraum bestimmt sind. Als er mich sieht, fängt er an zu weinen und sagt: „Meine Schuhe sind weg.“ Ich fühle nur noch Mitleid und bin froh, dass ich heute aufgrund des Mistwetters mit dem Auto zum Abholen gefahren bin. Also verfrachte ich das frustrierte und klatschnasse Kind ins Auto. Da sagt er: „Mama, ich bin heute ein richtiger Pechvogel. In der Schule bin ich nämlich auch noch gegen die Badtür geknallt.“

Er hat es am Morgen ja bereits gespürt, heute ist wirklich nicht sein Tag. Das sage ihm dann auch: „Och Spätzchen, heute ist wirklich nicht dein Tag.“ Und dann noch: „Ich habe eine Idee. Wir machen einen Wiedergutmachungsnachmittag. Wenn wir deinen Bruder von der Kita abgeholt haben, spielen wir erst gemeinsam und dann darfst Du Dir was zum Glotzen aussuchen und dazu gibt es eine Ausnahme-Abendbrot.“ Seine Augen hellen sich auf. Und mir scheint dies – angesichts so viel Pechs an einem Tag – ein adäquates Sonder-Programm zu sein. So wichtig mir unser gemeinsames Essen am Tisch ist, so schön ist es, auch mal eine Ausnahme von der Regel zu machen. Nicht nur an Pechvogel-Tagen, sondern manchmal auch an Freitagen zum feierlichen Start des Wochenendes. Oder auch an Tagen, an denen ich selbst einfach nicht mehr kann und nur noch die Füße hochlegen möchte.

Ausnahme-Abendbrot geht bei uns so: Während die Kinder im Schlafanzug und in eine Decke gekuschelt auf dem Sofa sitzen und ihren altersgerechten Film schauen, nehme ich die Bestellung auf, bereite zwei Teller mit den gewünschten Broten zu, ergänze noch Rohkost und setze alles mit Hilfe eines Frühstückstischchens fürs Bett auf den Schoß meiner Kinder.

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Ich selbst setze mich – ebenfalls mit meinem Brotteller auf dem Schoß – daneben und wir essen genauso wie es jede Supernanny ablehnen würde. Dessen bin ich mir bewusst. Aber Ausnahme-Abendbrot findet bei uns so selten statt, dass ich es durchaus vertreten kann. Der Vorteil an so einem Ausnahme-Abendbrot: man muss nicht aufwändig den Tisch decken und für die Kinder bleibt es etwas absolut Besonderes. Der Nachteil? Jede Menge Krümel auf dem Sofa.

#strategieneinermutter

„Du bist aber well-equipped!“

Nein, zu mir hat das noch keiner gesagt. Diesen Satz habe ich selbst laut ausgerufen. Und zwar vor lauter Bewunderung. Denn es gibt Menschen in meinem Umfeld (zwei im Speziellen), die in Sachen Baby immer bestens ausgestattet sind. Mit „ausgestattet“ meine ich originelles Equipment, was das Leben mit Baby durchaus praktischer machen soll – ich würde vor allem sagen: professioneller. Ja, das sind für mich richtige Baby-Profis, obwohl – oder vielleicht auch weil – sie ihr erstes Kind haben.

Da gibt es schicke wasserfeste Wickeletuis, Stillschürzen, Schnullerreinigungstücher, Kinderwagen-befestigungsfähige Schnullertäschchen, Milchflaschenthermometer, Milchpulvervordosierboxen, ja ganze Vaporisator-Maschinen werden angeschafft.
Neulich bin ich aus allen Wolken gefallen, als meine Freundin im Café folgendes Equipment auspackte: Breithermobecher, Löffel- und Zwiebackbox.
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Das soll gar nicht abwertend klingen, aber ich frage mich manchmal: Braucht man das? Muss das sein? Und vor allem: Was das alles kostet.

Bei mir geht es eher etwas improvisierter, aber nicht weniger praktisch zu: Ich packe Windeln und Feuchttücher einfach so in meine Handtasche, ich habe meine Brust und mein trinkendes Baby mit einem Spucktuch vor Blicken geschützt, ich fülle Breipulver in eine Plastikdose und rühre bei Bedarf frisch an, ich rolle meinen Breilöffel in ein Stück Küchenrolle, ich spüle sandige Schnuller mit Trinkwasser ab, ich teste am Handgelenk die Temperatur der Flasche, ich dosiere das Milchpulver im Fläschchen selbst vor, ich koche Flaschen und Schnuller im Kochtopf auf dem Herd ab … Ehrlich gesagt, hatte ich noch nie das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Auch nicht, seitdem ich weiß, dass es sie gibt, diese Dinge.

Während meine Freundinnen ihr Equipment ungemein praktisch finden, kommt mein Pragmatismus eher daher, vorhandene Alltagsgegenstände zu nutzen. Das einzig wirklich Praktische, was wir uns angeschafft haben, war ein Flaschen- und Gläschenwärmer mit Stecker fürs Auto. Der hat sich bei langen Autofahrten wirklich rentiert.

Meine Freundin hat ihre vor Geburt gekaufte Stillschürze übrigens nie benutzt. Sie sagt: „Das Preisschild ist immernoch dran.“ Das hat mich dann doch beruhigt.

#strategieneinermutter

Vier Hände sind mehr als zwei.

Letzte Woche musste mein Mann auf eine viertägige Dienstreise. Da unser Großer momentan Schulferien hat, und ich dem Mittleren – der Gerechtigkeit wegen – ebenfalls Kindergarten-Ferien zugesagt hatte, war mir klar: ich bin vier Tage und Nächte lang mit drei Kindern allein zu Hause. Darauf hatte ich weder Nerv noch Lust.

Ferien heißt für unsere Kinder auch mal wegzufahren. Eine Luftveränderung tut uns allen gut, dachte ich. Und habe uns – ganz mutig und spontan – für zwei Nächte in einem coolen, neuen Hotel an der Nordsee eingebucht. Und ich wäre auch – ganz mutig – allein gefahren, wenn mein Mann nicht gesagt hätte: „Nimm‘ Dir doch jemanden mit. Das macht doch vieles leichter.“ Etwas blauäugig dachte ich: ich schaffe das auch allein. Ich muss ja nichts machen, außer für die Kinder da sein. Aber aus irgendeiner Eingebung heraus, habe ich dann doch meine Schwester gefragt, ob sie nicht mitkommen möchte. Und sie wollte.

Also fuhren wir zu zweit mit den drei Kleinen an die Nordsee. Und ich war von der ersten Sekunde an froh, dass sie dabei war. Mit dem Auto packen fing es schon an. Das Baby müde und um seinen Vormittagsschlaf bettelnd (also knatschend) auf dem Arm, hätte ich das Gepäck gar nicht im Kofferraum verstauen können. Meine Schwester fuhr unsere Familienkutsche souverän, während ich dem Baby die Einschlafmilch verabreichte und die Jungs mit CDs und Nahrung versorgte.

Im Hotel angekommen ging es weiter. Das Gepäck musste aufs Zimmer in den ersten Stock ohne Fahrstuhl. Ohne meine Schwester wäre ich wahrscheinlich fünfzehn Mal (mit Baby auf dem Arm) vom Parkplatz ins Zimmer und zurück gelaufen.

Und so zog sich das durch den ganzen Urlaub: meine Schwester ging mit den Jungs im Restaurant aufs Klo; sie schnitt ihnen die Pizza in Stückchen; sie ging mit ihnen spielen, während ich das Baby im Familienzimmer ins Bett brachte; sie versorgte die Jungs am Frühstücksbuffett; sie schuckelte den Kinderwagen mit dem schlafenden Baby; sie besorgte an der Rezeption einen Wasserkocher; sie half den Kids beim Anziehen; sie spielte mit ihnen am Strand und und und …

Beim Dünenklettern

Kurz: Meine Schwester war mein dritter und vierter Arm, vielleicht auch mein zweiter und dritter, denn einer meiner beiden Arme ist ja zur Zeit ständig vom mamafixierten Baby okkupiert.

Ich muss mir eingestehen, ohne meine Schwester hätte ich diese drei Tage Urlaub nicht geschafft. Zumindest nicht ohne Nervenzusammenbruch. Und ich kann nur jedem empfehlen, sich immer jemanden mitzunehmen. Denn es war auch schon so sehr anstrengend mit den Dreien. Denn im Hotel müssen sie sich einigermaßen benehmen.

Trotzdem hatten wir auch mal Zeit für uns: Als wir die Bande endlich im Bett hatten und das komplett entladene Babyphon mit von der Rezeption geliehenen Batterien wieder in Gang gesetzt war, schlichen wir uns aus dem Zimmer in die Lounge und haben den Abend beim Aperol Spritz ausklingen lassen. Das war wertvolle und schöne Redezeit mit meiner Schwester, die ich viel zu selten sehe und allein um mich habe. Und das ist doch das Schönste daran.

Danke, meine Liebe !

#strategieneinermutter

Gastauftritt: Er-ziehen oder sich (aus der Kindheit) selbst herausführen?

In meiner Kindheit (Nachkriegszeit) hieß es immer: tu dies nicht, tu das nicht! Meist ohne Begründung. Und dann gab’s auch schnell mal was hinter die Löffel, wenn man nicht spurte. „Bohr nicht in der Nase!“ (aber es gab noch keine Papiertaschentücher und die Gebügelten nur sonntags). „Schiel nicht, sonst bleiben die Augen so stehen!“ „Lauf nicht übern Onkel, sonst werden die Füße schief.“ „Mach einen Diener, wenn du jemandem die Hand gibst!“ usw. usw.

Dieses Muster schleicht sich in die Seele: wenn ich nicht  mache, was die Eltern wollen, werde ich entweder Krüppel oder asoziales Subjekt oder beides. Dabei haben meine Eltern mich Erstgeborenen zweifellos geliebt und sie wollten das Beste für mich. Aber da sie als Nachkriegsdeutsche unter den Besatzungsmächten selber unter Druck standen, möglichst nicht anecken wollten, sich der neuen Zeit anpassen mussten, wurden wir Kinder erzogen wie man einen Baum stutzt, damit er in Form kommt. „Bloß nicht auffallen“, war das geheime Motto ihrer Erziehung. Und die meisten unserer Willensäußerungen wurden erst einmal gekappt. Aber das habe ich erst später kapiert.

Als wir selber Eltern waren, haben wir es anders versucht. Motto: Unser Kind wird dafür geliebt, dass es da ist und sonst nichts. „Das Kind“ sollte nicht Objekt unserer Er-ziehung werden, sondern sich als möglichst eigenständiges Subjekt in unserem Zusammenleben empfinden. Es sollte sich ernst genommen fühlen. Wenn ein Verbot sein musste, oder eine Verhaltensänderung erwünscht war, haben wir das erklärt und begründet oder unsere eigene Sorge um „unser Kind“  ausgedrückt.

Wir haben es weitgehend in den Entscheidungsprozess hineingenommen und das ging bis zur selbständigen Schulwahl und dem Umgang mit dem Taschengeld und der Wahl des Freundeskreises. Als die Mädchen erste Freunde hatten, haben wir sie zu uns kommen lassen, damit wir sie und sie uns kennenlernen konnten. Und sie durften mit auf die Mädchenzimmer. Dieses Abwägen der Spielräume  ging auch nicht immer ohne Konflikte und Kräftemessen und überhöhte Freiheitsansprüche ab. Am Ende aber stand meistens eine für Eltern und Kinder akzeptable Lösung.

Die Kinder sollten auf diesem Wege (mit unserer Hilfe) zu sich selbst geführt werden (educatio). In diesem Prozess wurde uns auch mehr als deutlich, dass wir Eltern nicht perfekt sind und auch nicht sein müssen. Wenn wir zu unseren eigenen Schwächen stehen, hilft das den Kindern mehr als die übliche Machtdemonstration, die irgendwann durchschaut wird und dann nicht mehr greift.

„Denn man kann seine Kinder nicht besser erziehen, als man selber ist.  Wenn sie trotzdem besser werden, dann hat man wenigstens ihre Entwicklung nicht gestört. Und mehr kann man nicht verlangen.“ (R.G.E.Lempp)

Gastautor: mein Vater, 69 Jahre, evangelischer Pfarrer im Ruhestand, Vater von drei erwachsenen Töchtern
Ich habe ihn um einen Gastartikel zu diesem Thema gebeten, weil er (und meine Mutter natürlich auch) große Vorbilder für mich sind, was den Umgang und die „Erziehung“ von Kindern betrifft

Mehr Informationen über diese Rubrik findet ihr in der Navigationsleiste unter „Gastauftritt“

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