Von Macht und Kampf

Bis vor Kurzem teilten sich unsere Jungs (6 und 4 Jahre) ein Zimmer. Ursprünglich hatten wir den beiden ein gemeinsames Zimmer gegeben, weil der Jüngere in Anwesenheit seines großen Bruders leichter einschlafen konnte. Eine Zeit lang hat das auch gut funktioniert. Nämlich solange der Große das Sagen hatte. Und alles bestimmen konnte. Aber auch der Kleine lernte natürlich mehr und mehr sein Ich kennen und wollte auch mal bestimmen. Als er circa dreieinhalb war, eskalierte die Situation. Bei uns zu Hause war nur noch Mord und Totschlag an der Tagesordnung. Es wurde geschrien, gehauen, gebissen, gekloppt, gekniffen … Und zwar von beiden Seiten. Ich kam teilweise gar nicht mehr dazwischen. In meiner Ratlosigkeit schimpfte ich sehr viel mit den Jungs. Was natürlich auch nichts geholfen hat.

Eigentlich bin ich jemand, der auf seinen Bauch vertraut. Aber ich wusste mir einfach nicht mehr zu helfen. Also kaufte ich mir ein Buch: Wenn Geschwister streiten von Christine Kaniak-Urban und Andrea Lex-Kachel. Ich gebe zu, ich habe dieses Buch bis heute nicht ganz gelesen. Aber zwei Dinge habe ich daraus gelernt:

1. Es ist die schwierigste Aufgabe männliche Geschwisterkinder groß zu ziehen, weil sie immer eine Machtposition erreichen wollen. Je näher die Geschwister altersmäßig beieinander liegen, desto schwieriger sind diese Konflikte und Kämpfe. Und warum machen sie das? Weil sie das Herz der Mutter erobern wollen.
Ah ja, meine Jungs sind also zwei kleine Ödipusse. Einerseits ging bei mir das Gedankenkarussell los: Zeige ich meinen Kindern zu wenig, wie sehr ich sie liebe? Bevorzuge ich einen der beiden? Ja merken sie denn nicht, dass sie mit der Streiterei bei mir überhaupt nichts erreichen?
Andererseits gab es mir die Absolution dafür, dass das alles ganz normal ist. Nur brauchte ich eine Lösung oder besser Auflösung dieser Situation.

2. Ein Lösungsweg aus dem Buch: Eltern sollen nicht das Verhalten der Kinder verurteilen oder Partei für eines der beiden ergreifen, sondern als Mediator zwischen den Geschwistern vermitteln. Soll heißen, in einer akuten Situation die Kinder auseinander bringen („Kann ich Euch helfen?“) sich von beiden Seiten die Situation und die Ursache für den Streit und die Handgreiflichkeiten schildern lassen und dann einen gemeinsamen Weg aus der Situation finden.

Diplomatie war noch nie meine Stärke. Meine Natur ist es eher, die Dinge direkt zu sagen. Aber ich habe es versucht. Und es hat ganz gut geklappt, zumindest, um die akute Situation zu mildern. Streitereien hatten wir weiterhin massenhaft.

Manchmal liegt die Lösung ganz nah: Eines Tages sagte ich zu unserem 4jährigen als er mich nach dem Verbleib eines Spielzeugs fragte: „Das liegt in Deinem Zimmer.“ Und er antwortete: „Aber das ist gar nicht mein Zimmer, das gehört meinem Bruder.“ Und da fiel es uns wie Schuppen von den Augen. Das Kind begreift das Zimmer gar nicht als seins. Er fühlt sich dort quasi nur als Gast. Da zwischenzeitlich das Baby in sein altes Zimmer gezogen war, war er nun heimatlos. Der Arme.

Also haben wir die Reißleine gezogen. Vor ein paar Wochen ist das Baby umgezogen und die Jungs haben jetzt wieder getrennte Zimmer. Beide haben jetzt ihren Bereich, wo sie ganz allein bestimmen dürfen. Die beiden spielen zwar immernoch vermehrt im Zimmer des Großen, aber wie durch ein Wunder sind die Machtkämpfe bis auf seltene Vorkommnisse verschwunden. Eine echte Wohltat für meine Seele und uns alle.

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#strategieneinermutter

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2 Gedanken zu “Von Macht und Kampf

  1. Darf ihr fragen, wo das Baby wohnt? Habt ihr denn 3 Kinderzimmer? Wir haben auch 3 Kinder und nur 2 Kinderzimmer. Was nun…. es sind 3 Jungs (6,4,3 Jahre alt) und die Situation ist genau wie es bei euch war. Nur Mord und Totschlag 😦

    • Wir haben das Glück drei Kinderzimmer zu haben. Als ich den Artikel schrieb, dachte ich bereits, ob das den Eltern wohl hilft, die eben nicht so viele Zimmer zur Verfügung haben.
      Nun zu Eurer Situation: Ich würde beobachten, welche Kinder von Euch am Besten miteinander können. Ich habe bei uns bemerkt, dass vor allem der Mittlere (Sandwichkind) problematisch ist, weil er vom großen Bruder immer untergebuttert wird. Wenn das bei Euch auch so ist, könntet Ihr dem Großen ein eigenes Zimmer geben, sozusagen als Vorrecht des Älteren, dafür aber das Kleinere. Und die beiden anderen bekommen ein gemeinsames, größeres Zimmer, dann kann nämlich der Mittlere auch mal bestimmen. Wenn dann der Kleine auch noch quer geht, könnte man das Zimmer so aufteilen, dass jeder seinen Bereich hat. Meine Schwester hat zum Beispiel das Zimmer ihrer Jungs (6 und 5 Jahre) optisch in zwei Hälften geteilt. Der eine hat eine Wasserwelt an der Wand, der andere eine Fußballwelt, je nach ihren Interessen. So gibt es quasi eine optische Grenze, und jeder hat seinen Bestimmungsbereich.

      Wenn jeder sein Areal hat, haben auch wir Eltern eine gute Handhabe bei Auseinandersetzungen zu sagen: „Du gehst jetzt mal für einen Moment in Dein Zimmer/Bereich und machst mal Pause.“

      Ob die räumliche Trennung allerdings immer die Lösung ist, weiß ich nicht. Mir ist es ja auch zufällig durch die Äußerung meines Sohnes aufgefallen, dass er einfach mal etwas braucht, was er als sein eigen betrachten kann. Beobachtet Eure Kinder und überlegt, wer aus welchen Gründen und vor allem wie reagiert. Vielleicht ist bei Euch ja auch ein ganz anderer Weg richtig.

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